Die Sonne steht hoch am Himmel und drückt ihre Hitze auf unsere Schultern, als wir am 14. August 2015 am Störmthaler See bei Leipzig anreisen. Schweißperlen tropfen von den Gesichtern; der Versuch, sich mit dem ersten Bier abzukühlen, scheitert. Wir sind beim Highfield Festival, dem großen Rockfestival der östlichen Bundesländer. Schon zu Beginn sei gesagt, dass die Veranstalter Jahr für Jahr experimenteller im Genre werden und wir diesmal so einige viele Hiphop-Acts, nicht zuletzt Marteria als ein Headliner, vorgesetzt bekommen. Die Stimmung leidet dadurch nicht, denn das Publikum ist durchwachsen und wandelbar. Lest hier ein paar Eindrücke und unsere musikalischen Highlights.

 

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Wir beginnen unser Wochenende mit Feine Sahne Fischfilet, die ihre typische Show mit bunten Bengalos, gut politischen Aufrufen und musikalischem Elan abliefern. Auch für Nichtliebhaber des Punkrock ist die Stimmung hoch, die Musik nicht zu robust sondern angenehm. Später am Tag sehen wir das Audiolith-Geschwisterchen Frittenbude, das sich ebenso ernst politisch einsetzt, für viel Spaß aber ein paar übergroß aufgeblasene (Findet) Nemos in die Menge wirft. Die Band spielt einen ihrer ersten Auftritte mit fertigem neuen Album Küken des Orion und feiert damit Weltpremiere in der Livevorstellung neuer Songs. Ebenso neu ist der Zuwachs der Band durch zwei Liveunterstützer. Die Musik wirkt durch die gleich dynamischer.

Politisch richtiges Engagement steht mehr den je im Visier der Gesellschaft und daran werden wir das ganze Wochenende über erinnert. Am Sonntag betont Sänger Ingo Knollmann mehr als einmal, sich gegen rechtspolitische Meinungen einzusetzen, während die Donots einen astreinen Auftritt hinlegen und mit alten Hits und neuen Hymnen das Publikum zum Schwitzen bringen. Irie Révoltés demonstrieren seit Jahren ihr Engagement zwischen französisch-schwungvollen Tönen und überzeugen damit jeher, so auch bei Highfield.

 

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Unsere Lieblinge von Bilderbuch wickeln das rockverliebte Publikum mit ihren grazilen Bewegungen und dem Wiener Charme mit links um den Finger, die britischen Schönlinge The Kooks schaffen das leider nicht so gut. Ihre Musik geht in der springenden, lauten und schwitzigen Stimmung der anderen Konzerte eher als langsames Dahintreiben unter. Die zweiten Britpopper des Wochenendes, The Wombats, heizen dagegen auch an einem Sonntagnachmittag mächtig ein, sodass der Staub in den Pogokreisen aufgewirbelt wird wie Konfetti.

An den drei Tagen sammeln wir drei absolute Konzerthighlights. Mit Madsen verbinden wir eine fast vergessene Fanliebe, die beim ersten Song plötzlich wieder entfacht. Ja, alte Liebe rostet nicht, das scheinen sich viele zu denken und so folgt eine Stunde lautes Mitsingen und Springen, Auspowern um schließlich am Ende Sebastian Madsen zuzustimmen

Mein Herz bleibt hier, Highfield!

(Oder bei dir, liebe Band). Die Herren feiern Releaseday ihres neuen Albums Kompass und sind stolz wie Oskar. Alle freuen sich mit, sofort wollen wir es kaufen, das neue Werk unserer alten Lieblingsband. Pappschild-Aufrufen wie „Sebastian, komm und küss mich“ kommt dieser mit Freuden nach. Bei der Ballade im Konzert warten die meisten schon ungeduldig auf den nächsten Powersong, ausruhen kann man sich auch später. Nach dem Konzert vermissen wir es schon und fragen uns „Wieso zur Hölle ist Marteria Headliner und nicht Madsen?“.

 

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Große Vorfreude herrscht am Samstag, denn wir wollen The Offspring sehen. Gefühlt ist jeder Song nur zwei Minuten lang und die Band spielt eine Unmenge davon, aber das wird nicht langweilig. Das Publikum freut sich Lied nach Lied auf mehr und jeder hat Spaß, den Alten des Line-Ups zu lauschen. Die wiederum sind begeistert von der großen Zuschauermenge.

LaBrassBanda bringen uns neben geballter Blasgewalt an Trompete, Posaune, Tuba, etc. auch unheimlich viel Liebe entgegen. Sänger Stefan Dettl bedankt sich tausendfach dafür, dass die Band so erfolgreich sein darf. Was die barfüßigen Bayern da auf der Bühne veranstalten, scheint unfassbar anstrengend. Neben Springen, Tanzen und Lachen auch noch das Instrument richtig zu bedienen, ist wohl eher Knochenjob als Kinderspiel, und trotzdem haben sie dabei mindestens genauso viel Spaß wie ihr Publikum. Das steht ebenfalls nicht mehr still, wie soll das auch gehen bei so vielen stimmungsvollen Melodien und Tönen? Wir sind sehr traurig als sich der Auftritt zum Ende neigt, ebenso die Band, und merken uns, unbedingt nachzuschauen, wann die Bayern auf Tour durch Deutschland reisen.

 

Foto: Frank Embacher, www.facebook.com/FrankEmbacherPhotographie

Impressionen von Campingplatz

Mit zwei Camping-Arealen und einem Wohnmobilplatz scheint genug Stauraum für alle Besucher vorhanden zu sein. Doch tatsächlich stehen die Zelte eng beieinander. Große Gruppen, die erst am Freitag anreisen, müssen sich aufteilen, weil es nur noch kleine freie Ecken gibt. Nachdem aber jeder sein Zuhause für das Wochenende aufgebaut hat, herrscht große Heiterkeit. Die fällt mal gemütlich aus, beim Bier am Swimming Pool mit den Nachbarn, mal etwas lauter, beim Mitgröhlen der Ballermannhits 2012, mal sehr sportlich, beim Flunkyballturnier oder Dosen-Weitschießen. Das persönliche Vergnügen steht im Vordergrund, das merkt man schnell. Anders als bei einigen Festivals, legt hier keiner den größten Wert auf sein Aussehen. Ob die Haare sitzen, interessiert keinen, ob das Top in schöner Trendfarbe scheint oder die Accessoires auf die Schuhe abgestimmt sind, ist ganz egal, denn niemand achtet darauf. Geschwitzt wird sowieso und im Moshpit wird es staubig; wir sind alle nicht zum hippen Schaulaufen hier, sondern um gute Musik zu hören. Bei der Definition eben dieser Musik sind die Besucher sehr aufgeschlossen. Man merkt eindeutig durch die Publikumsgröße bei den einzelnen Konzerten und der Vielfalt der getragenen Bandshirts, dass das Herz im Rockgenre liegt. Doch auch Hiphop-Acts und Indiepopper werden liebevoll aufgenommen. Sobald die Musik stimmungsvoll genug ist, um zu pogen, sind die Zuschauer nicht mehr zu bremsen, spielt die Band auf der Bühne einen allseits bekannten Hit, ertönen tausende mitsingende Stimmen.

Mögen einige wenige auch von weiter weg anreisen, sind die meisten Besucher doch aus dem weiten Umfeld. Das schlägt sich schließlich sprachlich wieder (unser in Sachsen-Anhalt geborenes Marsmädchen fühlt sich sofort heimelig). Wir vernehmen fast vergessene Ausdrücke wie knorke und dufte und alles in Allem bekommt man das Gefühl, beim Highfield in einer eigenen kleinen Welt zu leben, inmitten einer sympathisch-aufgeschlossenen, gemütlich-zelebrierenden Bevölkerung. Dazu bei trägt auch das Festival mit all seinen Kleinigkeiten.

 

Foto: Robin Schmiedebach Photography
Neben unheimlich großem Essensangebot, von veganem Burger über Lachsdöner zum Baumstriezel, gibt es für alle, die lieber den Campingkocher nutzen, einen festivaleigenen Supermarkt. Mit großer nachhaltiger Achtsamkeit, die die Veranstalter seit Jahren zeigen, gibt es erstmals ein Foodsharing-Zelt, bei dem überbleibende Lebensmittel abgegeben und getauscht werden können. So wird weniger weggeschmissen und wer Sonntag auch nach der Pfandrückgabe an einem der bereitstehenden Pfandautomaten kaum noch Geld hat, profitiert ebenso. Die Frühstücksengel der (schon auf vielen Festivals vertretenden) Goldkorn-Kompanie schicken im heißen Vormittag ihre Mitarbeiter los und versorgen einen jeden, der will, mit Eiskaffee. Während der Müllpfand dafür sorgt, dass es am Abreisetag so sauber wie möglich wird, laufen auch Lotsen des Festivals während der Tage über die Plätze und halten die Wege müllfrei. Neben kleinen und großen Verkaufsständen für Kleidung, Taschen, usw., gibt es vermehrt Infostände z.B. von Viva con Agua, von denen einige ebenfalls gesellschaftliches Engagement aufgreifen. Nicht zuletzt ist es der Störmthaler See, der mit seinem, mit Liegestühlen ausgestattetem Strand, zum Verweilen einlädt und das Wohlfühlen unumgänglich macht.

 

Foto: Robin Schmiedebach Photography www.robinschmiedebach.com
Passend zum Ende des Festivals, fängt es erst Sonntagabend an zu Regnen, eigentlich war es für das ganze Wochenende verkündet. Wir fahren mit guter Laune und einigen schönen Erinnerungen, stöbern zu Hause in lang nicht gehörten und wiederentdeckten Musikschätzen und blättern durch Fotos, die unsere Erlebnisse in Großpösna einfangen. Unser Herz bleibt hier, Highfield!

 

Photo Credits: Christoph Eisenmenger, Frank Embacher, Robin Schmiedebach