Richtig gelesen: ich kann mit Casper nichts anfangen. Genau genommen kann ich mit diesem ganzen Deutschrapding nichts anfangen. Was mich an Benjamin Griffeys (aka Caspers) Musik insbesondere nervt, ist das ständige zur Schau stellen seines ach-so-schlimmen Lebens und das daraus resultierende Selbstmitleid, immerzu begleitet von der Botschaft, dass alles gut werden wird.
Dennoch war ich gestern auf dem ausverkauften Hinterland Tour Konzert in der Swiss Life Hall, Hannover – als Begleitung.
Noch nie zuvor hatte ich so wenig Lust auf ein Konzert, noch nicht mal die Aussicht auf die fantastische Vorband Portugal. The Man konnte mich motivieren. Jetzt war ich aber nun mal dort und nahm mir fest vor, der Show eine Chance zu geben.

Das Erste, was auffällt, wenn man zu einem Konzert geht, sind natürlich die Fans. Erstaunlich viele Menschen mit Audiolith Shirts (Rebellion von innen gegen Caspers Sticheleien in Richtung des Labels?), einige ältere Personen und eine große, große, große Menge Fangirls, die mit Mutti angereist waren.
Zwischen der Vorgruppe und dem Hauptact wurde dem Saal, wie es so üblich ist, mit allen möglichen Chart- und HipHophits eingeheizt. Als dann aber zuletzt Coldplays Fix You gespielt wurde, verdrehte ich zum wiederholten Mal die Augen, denn ich befürchtete, dass der Abend weinerlich-anstrengend werden würde. Das änderte sich im nächsten Moment schlagartig, als Casper auf die Bühne gesprungen kam – in Leggins und langem Top. In meinem Kopf leuchtete die Frage “Leggins? Seriously?” in bunten, blinkenden Leuchtbuchstaben und ich strengte meine Adleraugen den ganzen Abend über an, in der Hoffnung, ich würde doch noch eine Naht oder Jeansstoff erkennen, was auf (very) skinny Jeans hindeuten würde – vergeblich (edit: es war eine Hose. Meine Adleraugen sind also wohl doch keine Adleraugen (mist) und dieser Kritikpunkt nicht mehr zutreffend).
Wie auch immer, schließlich zählt ja die Musik und nicht das Aussehen. Und die war gut! Die enorme Energie, die Casper die vollen eineinhalb Stunden an den Tag legte, war ansteckend und so bebte bald die ganze Halle. Einen extra Sympathiepunkt gab es für den tätowierten Gitarristen, der seine langen Haare herumgewirbelt hat, als würde er ein Metalkonzert spielen und keine Meute an ausrastenden Teenies vor sich haben.
Untermalt wurde das ganze von angenehmen Visuals – nicht zu anstrengend, aber dennoch durchdacht und in jedem Zeitpunkt treffend.
Das Gekreische war, wie man es sich beim Frauenschwarm Casper vorstellen kann, von Beginn an unglaublich laut. Als er das Publikum jedoch auch noch aufforderte, so viel Lärm wie möglich von sich zu geben, hatte ich das Gefühl, mich nicht mehr in einer Konzerthalle, sondern in einem Kreißsaal voll Neugeborener zu befinden.
Bereits nach dem ersten Track fragte ich mich, ob Textsicherheit wohl ein Einlasskriterium war, denn von allen Seiten wurde ich von gebrüllten Textzeilen beschallt. Besonders unangenehm:

“Ich tätowier’ mir deinen Namen über’s Herz/mit Ankern, damit jeder weiß, wo meins hingehört.”

Man muss es ihm lassen, dem Herrn Griffey: er hat seine Fans im Griff, weiß genau, dass sie darauf stehen, das Wort “Hannover” aus seinem Mund zu hören und auch sonst so ziemlich alles absolut zauberhaft finden, was er von sich gibt. So waren alle furchtbar aus dem Häuschen, als er jede Seite einzeln und mehrmals fragte, ob es ihnen gut gehe, während ich nur angsterfüllte dafür betete, dass er nicht wie Drake in Berlin gefühlt jeden Gast einzeln begrüßen würde. Ich kann euch beruhigen: das blieb uns erspart. Außerdem muss ich zugeben, dass es schon recht charmant war und ich, wenn ich auf seine Musik und/oder ihn stehen würde auch so einige “ohhhh”s und “er ist so süß!”s von mir gegeben hätte.
Nun kommen wir zu meinem ewigen Kritikpunkt an Konzerten in Deutschland, der bei dem Heutigen ganz neue Ausmaße angenommen hat: das Klatschen. Meiner Meinung nach könnte man es aus diversen Gründen (weniger Platz zum Tanzen, man hat das Gefühl, jemand zuppelt am Rucksack rum, es ist laut, gehört aber nicht zur Musik) grundsätzlich verbieten oder einfach sein lassen. Wenn es aber – wie heute Abend – doch dazu kommt und ihr euch dadurch alle so wunderbar verbunden fühlt, meinetwegen. Dass dann aber so neben dem Takt geklatscht wird, dass man vom Musiker angeleitet werden muss und es nach dieser Standpauke trotzdem nicht hinbekommt, ist peinlich. Deswegen mein Tipp: Lasst das klatschen von vornherein weg. Danke.
Mein Highlight des Abends war ganz klar ein Mann Anfang 60, der allein da war und sogar Casper locker in die Tasche gesteckt hat, was das Abgehen anging. Dass er jedes Lied mitrappen konnte und ein Caspershirt trug, sei nur nebenbei erwähnt.
Die bemitleidenswerten Bilder, die ich mit meinem Handy gemacht habe, erspare ich euch an dieser Stelle und komme direkt zu meinem Fazit:

 

Fazit

Es war für mich ganz nett. Wäre es eine Band gewesen, die ich auch privat höre, wäre es unter den selben Umständen mit Sicherheit ein geniales Konzert gewesen, doch so konnte ich weniger gut über das anstrengende Publikum sowie die melodramatische Stimmung hinwegsehen. Dennoch bin ich froh, dort gewesen zu sein. Und der Opi war wirklich einsame Klasse.