Zucker, Messer, die Nerven oder eben Trümmer – Die Welle an neuen deutschen Künstlern ist zur Zeit spannender denn je. Diese Bands ähneln sich bei Haltung und Sound, ihre Texte erinnern an alte Helden. Trümmer, die im Gegensatz zu ihren Kollegen weniger sperrig sind, wurden bei PIAS unter Vertrag genommen. Mit ihrem selbstbetitelten Debüt, das durch nachdenkliche Texte genau so überzeugt wie durch tanzbare Melodien, konnten sie einen Hype verbuchen. Die Band aus Hamburg trat in den letzten Jahren auf diversen Festivals, wie zum Beispiel dem MS Dockville oder dem Melt, auf. Außerdem durften sie Künstler wie Casper und The 1975 auf ihren Touren supporten.

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Das Album hat fröhliche, laute, aber auch ein paar stille Momente, in denen bewusst gesangliche Pausen verwendet wurden. Der Saboteur zählt beispielsweise zu den lauteren Stücken, wohingegen sich Nostalgie etwas zurücknimmt und fast düster wirkt. Einige Songs erinnern vom Sound an feinsten Britpop à la Libertines oder Maxïmo Park. Müsste ich den Sound beschreiben, würde ich ihn wahrscheinlich als energetischen, deutschen Rock mit einem punkigen Touch bezeichnen.

Die Refrains bleiben sofort im Ohr, die Strophen überzeugen mit Inhalt. Für besonders gelungen halte ich den Track Papillon, der von David Bowies The Jean Genie inspiriert ist. Die Band sagte einmal selbst, dass sie (ähnlich wie bei Jean Genie) einen Song über eine starke und interessante Frau in unserer Zeit schreiben wollten. Gesellschaftskritischer wird es bei dem Song Scheinbar, der Menschen kritisiert, die sich mit Allem abfinden und zu wenig Dinge hinterfragen.
Immer auffällig sind die plakativen Zeilen (das ist hier keinesfalls negativ gemeint), die Paul dahin trällert. Die Aussagen sind weniger kryptisch, sondern werden fast parolenhaft präsentiert. Man merkt, das hier schlaue Kritiker am Werk sind und keine stumpfsinnigen Chartnummern produziert wurden. In diesem Punkt erinnern sie mich lyrisch stark an die jungen Tocotronic. Trümmer beziehen bewusst Stellung, was wieder an den Punk erinnert. Sie selbst beschrieben das einmal so:

Wir würden unseren Sound schon als eine Art Rock ’n‘ Roll bezeichnen. Hier sind wir und wir sind nicht einverstanden, sondern auf eine Art und Weise dagegen. Wir bieten einen anderen Weg, macht doch mit!

Auch die allgegenwärtige Gentrifizierung, die auch speziell in Hamburg präsenter denn je ist, wird zum Thema. Die Schließung kultureller Zentren wie zum Beispiel des berühmten Clubs Molotow ging durch die sozialen Medien. Immer wieder stellt man sich die Frage: Wem gehört die Stadt eigentlich und was tut man gegen diese Entwicklung? Jeder findet da seinen eigenen Weg; Paul verarbeitet die Dinge in seinen Songs. Außerdem weigert er sich aus seiner Wohnung, die mitten in St. Pauli liegt und auch bald saniert werden soll, auszuziehen.

Man könnte zwar ausziehen, aber das wäre in dieser Stadt zu dieser Zeit ein vollkommen falsches Zeichen.

Fazit:

Trümmer haben auf ihrem Debütalbum fast alles richtig gemacht. Anstatt sich hinter fadenscheinigen Texten zu verstecken, werden die Dinge beim Namen genannt. Sie üben Kritik an der heutigen Gesellschaft und der Entwicklung der Städte und treffen somit den Nerv der Zeit. Schlüsselthema ist die Sehnsucht nach mehr, die allgemeine Aufbruchsstimmung, womit sie vielen jungen Menschen sicherlich aus der Seele sprechen. Einige Kritiker werfen ihnen vor, zu weich geworden zu sein. Trümmer machten zu Beginn deutlich härtere Musik, bei welcher der DIY-Charakter vielen gefiel. In diesem Punkt kann ich nicht ganz zustimmen, da ein eingängigerer Sound nichts zwangsläufig negativ ist, solange der Inhalt derselbe bleibt und das tut er in diesem Fall. Wo ist die Euphorie nun? Diese Platte hat sie, zumindest bei mir, wieder zum Leben erweckt. Man möchte die Stadt mit Zeilen von Trümmersongs besprühen.

Neugierig geworden? Hier findet ihr Trümmer:

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Photo Credits: Christoph Boy (PIAS)