Unsere Freunde vom Maifeld Derby haben zuletzt auf ihrer Facebookseite folgende Bemerkung zu der Konzertszene Stuttgarts gemacht:

Wenn man in Mannheim wohnt, dann hat man ja nur selten einen Grund nach Stuttgart zu fahren. Ausser zu GEMA Gesprächen.

Umso mehr freuen sich die Menschen besagten Festivals, mit dem New Fall Festival, das es bislang nur in Düsseldorf gab, einen weiteren Grund zu haben, in den Kessel zu fahren. Als hier ansässiges Marsmädchen kann ich gar nicht anders, als diese Freude zu teilen. Schon lange zieht sich der schlechte musikalische Ruf Stuttgarts durch das ganze Land, viel zu viel wird gemeckert, viel zu wenig angepackt und verändert. In diesem Sinne: Chapeau, liebe Betreiber des New Fall Festivals. Chapeau, dass ihr euch von all den Griesgramen nicht die Stimmung vermiesen lasst. Chapeau, dass ihr euch vom hiesigen Festivalschwinden (Hello Pop!, HipHop Open, …) nicht den Mut nehmen lasst. Chapeau, dass vier von neun Acts weibliche Köpfe haben! Chapeau, Chapeau, Chapeau.

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Das New Fall Festival findet von Donnerstag, dem 27. Oktober bis einschließlich Sonntag, dem 30. Oktober statt. Tickets gibt es nach wie vor hier sowie an allen gängigen VVK-Stellen zu kaufen. Wir haben uns einmal hoch, einmal runter, einmal kreuz und einmal quer durch das Programm gehört. Hier unsere Empfehlung (na gut, erwischt, es sind alle auftretenden Künstler):

Dillon & Choir

Donnerstag, 20:00, Liederhalle (Mozart-Saal)

Beim Stuttgart Festival letztes Jahr im Sommer musste ihr Auftritt wegen des aufziehenden Sturms abgebrochen werden, beim Kommenden besteht diese Gefahr nicht, denn er wird in der überdachten Liederhalle stattfinden. Ein Kontrast, auf den wir uns besonders freuen: Dillons düster-verwobene Musik, die einen mitnimmt zum Abgrund der Menscheit, kurz runterschauen lässt und einen im letzten Moment, bevor man fällt, einlullt wie die Mutter ihr Kind gespielt in einer Umgebung, die alles andere ausstrahlt als Unsicherheit.

BOY

Freitag, 20:00, Liederhalle (Mozart-Saal)

Freitag ist in Stuttgart Indienacht. Wenn man hier wohnt, weiß man das. Perfekt also, dass BOY, die einen der ultimativen Indiesongs der letzten Jahre geschrieben haben, an einem eben dieser Tage auftreten. Perfekt auch, dass sie um 20:00 Uhr spielen, sodass man im Anschluss noch genug Zeit für ein kühles Getränk in seiner Lieblingsspielunke hat, bevor es auf die Tanzfläche der Wahl geht. Wir möchten an dieser Stelle den Freund und Kupferstecher empfehlen, wo die Damen von BOY ab 23:00 Uhr ein Aftershow-Set zum Besten geben werden.

Wanda

Freitag, 20:00, Liederhalle (Hegel-Saal)

Wir haben schon viel über Wanda geschrieben. Wir haben verraten, was wir an diesen schmierigen, Tanktop-tragenden Menschen finden. Wir haben darüber berichtet, wie ihr Konzert vor knapp einem Jahr in Heidelberg war. Wieso also jetzt nochmal zu einem Konzert der Österreicher gehen? Haben wir uns nicht alle genug mit Amore umgeben, ist Liebe nicht sowieso schon wieder Schnee von gestern? Und Austropop ist ja wohl sowas von tot. Eben drum! Selten konnte man so gut sehen, was nach dem Hype bleibt, als am Beispiel Wanda. Wir zumindest sind gespannt wie die Flitzebogen, üben Dialekt und freuen uns auf Amore – vielleicht ein letztes Mal.

Grandbrothers

Freitag, 20:00, Neues Schloss

Wer hinter Grandbrothers eine weitere folkige Mengroup vermutet, der ist zwar bestimmt nicht alleine, liegt aber ganz falsch. Was sich wirklich hinter diesem Namen verbirgt, ist eine Symbiose von sanften Klaviertönen und plätschernden elektronischen Beats. Die Kulisse, in der man dieser nächsten Freitag lauschen kann, ist die letzte deutsche barocke Residenzschlossanlage: das neue Schloss in Stuttgarts Stadtmitte.

Regina Spektor

Samstag, 20:00, Liederhalle (Hegel-Saal)

Süß, zart, kraftvoll, ausdrucksstark, mutig, zerbrechlich, kühn und immer vor allem eins: berührend. Mit Lyrics, die so treffend klar sind, dass es einen zeitweise kalt erwischt, wenn man sich einmal mehr in ihnen wiederfindet, beweist Regina Spektor, dass sie neben ihrem enormen musikalischen Talent auch Empathie im Übermaß mitbringt. Eine dünne Popstimme trifft auf dezente Begleitmusik – mehr braucht es nicht, um einen ganzen Saal mit Gänsehaut zu versorgen.

Brandt Brauer Frick

Samstag, 20:00, Neues Schloss

2010 erschien You Make Me Real, das Erstlingswerk der drei Herren von Brandt Brauer Frick, mit dem sie der Musikwelt “Es geht auch unmelodisch!” entgegenschrien. Diese Eigenart zog sich durch die neun Songs des Albums, es heimste einiges an positiven Kritiken ein, obwohl Musik, die größtenteils ohne Vocals auskommt, es 2010 schwer hatte. Der Mix aus Industrial-Klängen, funkigen Einlagen und Minimalbeats wusste dennoch zu überzeugen und so wunderte es wohl jeden, dass die zuletzt erschienenen Singles so viel einfacher (sprich: zugänglicher) waren. Im Neuen Schloss (das natürlich nicht ganz so neu ist, wie sein Name es vermuten lässt) können die Besucher sich nächsten Samstag eine eigene Meinung darüber bilden, ob neu das neue alt ist oder doch das neue neu.

Agnes Obel

Sonntag, 16:00, Liederhalle (Mozart-Saal)

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Sonntagnachmittag, es wird langsam dunkel. Die Blätter fallen von den Bäumen, es ist trüb und regnerisch. Am liebsten würde man den ganzen Tag auf der Couch rumhängen, aber das hat man ja schon die letzten Stunden gemacht und so langsam fängt der Rücken an zu meckern. Außerdem hat man Stranger Things sowieso schon durchgeguckt. Ha! An dieser Stelle folgender Tipp: Agnes Obel um 16 Uhr in der Liederhalle. Nicht zu aufregend, gemütliche Klaviermusik, eine charmante Sängerin, lauschige Klänge. Überzeugt?

Wilco

Sonntag, 20:00, Liederhalle (Beethoven-Saal)

Wer am Sonntagabend noch auf den Swutsch gehen will, der hat zwei Möglichkeiten. #1: Wilco in der Liederhalle. Die Indie-Rock-Großväter des New Fall Festivals sind seit nunmehr 22 Jahren im Musikgeschäft und wissen nach wie vor zu begeistern. Wer nicht alleine hingehen will, schnappt sich die Eltern, denn auch denen würde das sicher gefallen (“Ach, Wilco? Die haben wir früher auch gehört!”).

James Rhodes

Sonntag, 20:00, Neues Schloss

#2: James Rhodes im Neuen Schloss. Auch dieses Konzert ist elterntauglich. James Rhodes hat eine erschütternde Vergangenheit, die er in seinem Buch Der Klang der Wut erzählt. Und das hört man, wenn man ihn live sieht. Konzert-Pianisten gibt es viele, die meisten versuchen, dem biederen Bild, das stereotypisch von ihnen gezeichnet wird, zu entfliehen. Doch keiner macht dies so authentisch, so ungewollt, so sympathisch wie James Rhodes. Wer das nicht glaubt, der möge sich fix nachfolgendes Video zu Gemüte führen.

Für alle, die sich die nächsten Tage einstimmen möchte, haben wir eine Spotify-Playlist gebastelt, die hier gehört werden kann: