Dass die Zeit mit steigendem Alter gefühlt immer schneller vergeht, ist an 362 Tagen im Jahr zwar bedauernswert, aber aushaltbar. An einem ganz bestimmten Wochenende jedoch vergeht sie erfahrungsgemäß so schnell, dass es weh tut. Richtig, wir schwärmen mal wieder vom Maifeld Derby.

Die mittlerweile siebte Edition hat vergangenes Wochenende auf dem Mannheimer Maimarkt Gelände stattgefunden und uns einmal mehr sprachlos hinterlassen. Was dazu geführt hat, lest ihr in den kommenden Zeilen, wie das Ganze ausgesehen hat, könnt ihr sowohl auf unseren Bildern als auch in Bewegtbildern auf arte anschauen. Dies führt uns direkt zum ersten Punkt:

Die Größe des Festivals

Erstmalig in der Geschichte des Maifeld Derbys war ein Festivaltag – der Samstag – ausverkauft. Obwohl jeder, der in den letzten Jahren oder am Freitag bereits auf dem Gelände war, diese Veränderung wohl gespürt hat, war die Anzahl der Menschen noch überschaubar und hatte man Bekannte auf dem Festival, so ist man denen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit über den Weg gelaufen. Dazu beigetragen hat neben der begrenzten Besucherzahl auch die Größe des Geländes: mit vier Bühnen und einem maximalen Fußweg zwischen eben diesen von 5 Minuten ist alles und jeder schnell erreicht.
Ein weiteres Novum war die Ausstrahlung ausgewählter Konzerte auf arte concert. Dass im Publikum mehrere gewaltige Kameras standen, schien die Besucher aber in keinster Weise zu beirren, es wurde weiterhin ausgelassen getanzt und sich gefreut, dass man die schönsten Momente des Wochenendes im Anschluss noch einmal Zuhause Revue passieren lassen kann.

Die Musik

Dieser Punkt dürfte nicht unbedingt für Überraschung sorgen, jedoch liegt dieser uns besonders am Herzen, denn selten erlebt man ein so liebevolles Booking wie beim Maifeld Derby. Generell kann man bei einem Großteil der Acts, die beim Line-Up vorlesen lediglich ein gemurmeltes „hm, kenne ich nicht.“ hervorrufen, davon ausgehen, dass man in spätestens einem Jahr damit prahlen könnte, sie bereits auf einer kleinen Bühne gesehen zu haben, bevor sie den Durchbruch geschafft haben. Ein weiteres Detail, das uns einmal mehr in Entzücken versetzt hat ist, dass die letzten Konzerte um 3 Uhr morgens beendet sind. Schon viel zu oft haben wir uns riesig auf einen Künstler gefreut, bloß um dann enttäuscht festzustellen, dass dieser erst mitten in der Nacht beginnt, wenn wir bereits wundgetanzte Füße und müde Augen haben.

Musikalische Highlights gibt es somit viele, wir möchten uns an dieser Stelle auf fünf beschränken. Los ging das Feuerwerk der Gefühle mit Voodoo Jürgens, der am Freitag im Sonnenschein die Fackelbühne bespielte. Sein österreichischer Charme und die nicht zu übersehende Freude an der Ausübung seines Berufs hatten uns schon nach wenigen Takten gefangen und so blieben wir – trotz riesigem Verlangen nach Schatten – bis zum Schluss.

Weiter ging es im Zeichen des Austropops später am Abend mit den Herren von Bilderbuch. Da wir Bilderbuch schon etliche Male gesehen hatten und sie die vergangenen Jahre im Festivalkosmos geradezu unumgänglich waren, war deren Bestätigung für die diesjährige Edition des Maifelds für uns im Vorfeld nicht wirklich von Bedeutung. Nachdem Baba, Bungalow und I love Stress jedoch im Frühjahr auf Dauerschleife im heimischen Wohnzimmer liefen, haben wir uns zum Glück für den Besuch des Konzerts entschieden. Entgegen unserer Vermutung, einmal mehr die gleiche Show geboten zu bekommen, haben Bilderbuch uns dieses Mal in eine Art Gospel-Messe mitgenommen, die – begleitet von zwei Background-Sängerinnen – fast schon okkulte Züge aufwies. Weiterhin überzeugt hat uns neben der musikalischen Professionalität das Bühnenbild, das aus unzähligen weißen Sneakern bestand, die sich zur Musik bewegten.

Obwohl das Line-Up im Bezug auf das Männer-/Frauenverhältnis nicht unbedingt ausgezeichnet ist, ist unser einziges Highlight vom Samstag weiblich, nämlich die junge Britin Kate Tempest. Das Publikum war nach dem warmen Festivaltag um 22 Uhr mit einer Mischung aus Erschöpfung, vollem Bauch (die Fackelbühne war direkt neben der Food-Ecke) und großer Vorfreude in genau der Stimmung, die Revolutionen brauchen: viel zu kaputt, aber alle zusammen und deswegen ein großes Ganzes. Diesen Gemütszustand hat Kate Tempest mit ihren aufgeladenen Texten, die nach Revolte und Änderungen schreien, auf den Kopf getroffen und hinterließ nach ihrer einstündigen Performance eine gerührte, traurige, wütende, vor Tatendrang strotzende, sprachlose Masse.

Zwar waren wir schon von den vorherigen Tagen überwältigt, wartete das ultimative Highlight am Sonntag auf uns: Whitney. Diese verfolgen wir schon seit Längerem, ihr Debüt Light Upon The Lake läuft seit dessen Erscheinen auf Dauerschleife und dennoch waren wir uns nicht so ganz sicher, ob dessen stille Melancholie live funktionieren kann. Das wissen wir tatsächlich auch bis heute nicht, denn was dort auf der Bühne passiert ist, war alles andere als still und melancholisch. Es konnte getanzt werden, die Ansagen zwischen den Liedern waren humorvoll und einer unserer liebsten Musikerspleens wurde erfüllt: der Drummer war zeitgleich der Sänger.

Zuletzt wollen wir dem Brückenawardzelt danken, dass wie jedes Jahr mit grandiosem Bandaufgebot glänzte. Wand, Gewalt, White Wine – Diese Liste könnten wir endlos weiterführen, auch wenn der Sound leider wie zuvor etwas zu Wünschen übrig lässt.

Das Publikum

Nach einer grölenden, Biercules spielenden Festivalmeute à la Southside sucht man hier vergeblich. Das Maifeld-Derby-Publikum ist eines der enspanntesten überhaupt. Viele Familien besuchen das Festival mit ihren Kindern, die ganz nebenbei die beste musikalische Früherziehung genießen. Generell waren wir positiv überrascht, wie weit die Altersspanne zwischen den Besuchern reicht. Ein großes Lob geht auch an Helfer und Securities, die uns immer freundlich und gut gelaunt begegnet sind, so macht ein Festival Spaß.

Das Wetter

Das Maifeld Derby fand später statt als in den Vorjahren, das bemerkte man auch am strahlenden Sonnenschein. Erstmalig wurden die Festivalbesucher von Regen und Gewitter verschont. An die Sonnenbrille denken müssen wenn man sich auf den Weg zum Festivalgelände macht – daran könnte man sich gewöhnen. Leider gab es durch Temperaturen um 30 Grad auch mal Momente im Palastzelt, die schnell zu heiß wurden, sodass man doch wieder nach draußen musste, um nach Luft zu schnappen.

Das Rahmenprogramm

Neben dem musikalischen Angebot überzeugt das Festival seit Anbeginn mit verschiedensten Programmpunkten. Wer sich zwischen den Acts eine Pause gönnen möchte, kann bei der Steckenpferddressur zuschauen oder es sich beim Kurzfilmfestival im Parcours d’amour gemütlich machen.
Auch shoppinglustige Besucher kamen dank Sasas Vintage auf ihre Kosten. Hier gab es verschiedenste Vintage Stücke, die jedes Coachella Girl vor Neid erblassen lassen. Wer nicht so auf Blumenprints steht, konnte bei WSDT fündig werden. Neben Patches, Pins und haufenweise Stickern gibt es dort lokal bedruckte Shirts in Topqualität. Wir haben uns an beiden Ständen ordentlich eingedeckt und wieder festgestellt, dass lokal einkaufen doppelt so viel Spaß macht.

Das Essen

Kaum ein anderes Festival hat so köstliche kulinarische Angebote wie das Maifeld. Hierbei muss an erster Stelle unser gehassliebter Haselnussschnaps genannt werden, der uns des Öfteren in seinen Bann gezogen hat. Ehe man sich versah, versackte man im Frangelico-Zelt um eine Stunde später mit einer aufblasbaren Schnapsflasche in der Hand zu Hip-Hop zu tanzen. Aber auch das Bierangebot enttäuschte nicht, lokale Brauereien versorgten die Festivalbesucher mit kalten Erfrischungen. Bei den Essensständen wird seit jeher größtenteils auf lokale Größen gebaut, durch die neue Qualitätsstandards in Sachen Festivalfood gesetzt werden. Auch wenn wir nicht alles probieren können – es duftet und sieht so gut aus, dass man schnell mal Futterneid bekommt, wenn jemand vom Essenszelt kommend an einem vorbeiläuft. Stark überzeugt, auch bedingt der Temperaturen, hat uns das köstliche Dornfelder-Eis. Ja richtig: ein kaltes Eis aus Wein, bei dem man sich schon nach dem ersten Löffel fragt, weshalb es nicht schon viel früher erfunden wurde. Liebe Menschen aus der Eismanufaktur, wir möchten für den restlichen Sommer gerne noch Nachschub bestellen!

Und so schnell ihr diesen Artikel gelesen habt, ist für uns auch das Wochenende vergangen. Wir sind immer noch perplex, dass es schon wieder vorbei ist. Danke 7. Maifeld Derby, du warst so wunderbar wie eh und je!

Photo Credits: Samira Wacker