“Abwechslungsreich”, “einzigartig”, “abspackend”, “überraschend,” so die ersten Worte, die vier von mir befragten Besuchern nach dem ausverkauften Käptn Peng Konzert durch den Kopf schossen. Wie treffend diese Adjektive gewählt waren, wird ein jeder, der live dabei war, bereits verstehen. Für alle anderen folgt ein Konzertbericht dieses Abends.

Das Publikum war jung; einmal wieder merkte man, dass Göttingen eben doch eine Studentenstadt ist – wenn auch eine kleine. Viele waren gleich in einer Gruppe von Freunden gekommen, wobei auffällig war, dass der erwartete Männerüberschuss ausblieb, was zu einer angenehm ausgeglichenen Atmosphäre beitrug.
Überall sah man Fritz Kola und Bio-Limonade trinkende junge Menschen, die ihren Pfand großzügig Viva con Agua spendeten. Nachhaltigkeit, Altruismus und Nächstenliebe (ganz ohne religiösen Hintergrund versteht sich) hingen in der Luft.
Das Bühnenbild war so liebevoll gestaltet, dass man sich gleich so wohl fühlte wie im Flohmarkt-Laden nebenan: von der Decke hingen große, alte Lampenschirme; ein alter Koffer, kitschige Plastiksonnenblümchen und sogar eine Klobürste konnte man auf der Bühne entdecken – aus Solidarität mit Hamburgs “Gefahrenzone”? Wer weiß.
Die Israelin Ofrin sollte als Vorband das Publikum warm machen, doch leider ist sie nicht aufgetreten. Eine Begründung oder Ansage diesbezüglich gab es nicht. Schade, doch schien ich die einzige gewesen zu sein, die ihr Fehlen bedauert oder sogar bemerkt hat.

Das Konzert begann also gleich mit Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi, deren 5 Musiker durch die wildesten Masken (vom Vogel bis zum weißen Stoffsack) verschleiert und unter lautem Jubel auf die Bühne traten.
Besonders war dort nicht nur all das, was das Auge zu entdecken hatte, sondern auch die Zusammenstellung der Musiker. So war da natürlich Käptn Peng, der wie wild sang, rappte und dichtete, seinen Bruder Shaban, einen Percussionisten, den ich lieber als “Multi-Sound-Gestalter” bezeichnen würde, da er so ziemlich alles benutzte, was er auf der Bühne finden konnte (Küchentöpfe und Besenköpfe nicht ausgeschlossen) um ein unverwechselbares Klangbild zu erschaffen, einen Gitarristen und einen (Kontra)Bassisten.

 

Setlist

1. Absolem
2. Champagner und Schnittchen
3. Der Anfang ist nah
4. Hallimarsch (unreleased)
5. Freestyle
6. Flotten von Mutanten (feat. Shaban)
7. Parantatatam (feat. Shaban)
8. Kugelschlucker
9. ?
10. Es ist
11. Keine Ahnung
12. Sockosophie
13. Sie mögen sich (feat. Shaban)
14. Oha
15. Kündigung 2.0
16. Monster
17. Platz da

Zugabe:
1. Unten
2. Liebes Leben

 
Es brauchte für das Publikum noch nicht mal ein Lied, um sich warm zu machen. Sofort tanzten, sprangen, sangen und grölten alle mit. Mit? Ja, mit! Denn das größte Energiebündel im Raum war der Käptn höchstpersönlich. Er hüpfte mehr, als dass er stand, tanzte, drehte sich und animierte so ganz ohne dabei aufdringlich zu sein alle dazu, es ihm gleich zu tun.
Obwohl die Musik einwandfrei war und noch nicht mal für meinen Geschmack noch mehr Bass hätte drin sein dürfen, ist das, wovon die Lieder lebten ihr Text. Käptn Peng ist ein unheimlich begabter Texter, der so schnell reimen kann, dass es bei Tracks, die einem nicht bekannt sind, wie beispielsweise Hallimarsch, welches noch nicht veröffentlich wurde, oder dem Freestyle, schwer war, den Gedankensträngen und -sprüngen zu folgen. Es war durch und durch eine Gradwanderung zwischen Sinn und Unsinn. Philosophische Aussagen wechselten sich mit solchen ab, die auch Kleinkinder hätten hervorbringen können, welche aber nicht weniger treffend waren.

Der Genialität der Lyrics hat das keinen Abbruch getan, sondern in die gegenteilige Richtung gewirkt: Man war noch begeisterter und verblüffter, wenn man über eine Strophe zunächst stolperte, sie sich dann aber als ein Einfall entpuppte, auf den man selbst nie gekommen wäre – geschweige denn in einen Reim hätte verpacken können.
Neben Sockosophie, bei dem Käptn Peng mit einer Socke auf seiner Hand debattierte, war mein Highlight Sie mögen sich, welches von seinem gemeinsamen Album mit Shaban (Die Zähmung der Hydra) stammt. Als wäre es nicht schon genug gewesen, dass Shaban zu diesem Anlass im Kleid auf die Bühne kam, tauschte Käptn Peng kurzerhand den Albatros, in den er sich in eben jenem Lied verwandeln sollte, durch ein Einhorn aus, was die Menge entgültig zum Ausrasten brachte.
Der Abend war ein gigantischer Schmelztiegel einer Poetry-Slam-Veranstaltung, eines Sockentheaters (Sockosophie) und eines Konzerts: unterhaltsam auf allen Kanälen. Dass Käptn Peng nicht nur Sänger, sondern auch begabter Schauspieler ist (zu sehen beispielsweise in der deutschen Tragikomödie “Renn, wenn du kannst”), hat hierzu einen bedeutenden Anteil beigetragen.

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Dürfte ich nur einen Satz nutzen, um das Konzert zu beschreiben, dann wäre es:

“Sprache ist in dieser Welt die Waffe der Weisen”
(aus «Sein Name sei Peng»)

denn das haben Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi mit ihrem Konzert auch dem letzten Kritiker bewiesen.

Neugierig geworden? Bis zum 26.01. sind sie noch auf “Die Expedition ins O”-Tour quer durch Deutschland, Österreich und die Schweiz:

kaeptn-peng-tentakel-von-delphi-live-concert-goettingen-picture-2 16.01. Freiburg – Bürgerhaus Zähringen
17.01. Wetzikon (CH) – Kulturfabrik
18.01. Lyss (CH) – Kufa
20.01. Salzburg (AT) – Rockhouse
21.01. Linz (AT) – Stadtwerkstatt
22.01. Graz (AT) – Volkshaus
24.01. Regensburg – Alte Mälzerei
25.01. Erfurt – Haus der Gewerkschaft
26.01. Potsdam – Waschhaus

 

Gewinnspiel

Auf unserer Facebookseite könnt ihr noch bis zum 19.01. an einem Gewinnspiel teilnehmen, bei dem wir je eine CD von Die Zähmung der Hydra und Die Expedition ins O verlosen. Schickt uns hierfür einfach eine Nachricht und liked die Seite.

 

Photo Credits: Jessica Szturmann