Nachdem drei Wochen seit dem Konzert von Bonobo vergangen sind, würde ich das Thema normalerweise aufgeben und mich anderen Dingen widmen. Da ich euch aber nicht vorenthalten möchte was am 12. März im Schlachthof Wiesbaden geschah und es Gründe für eine derart lange Verzögerung gibt (dieses Wordpress Theme und eine Menge Backend-Kram, der schnellstmöglich online geschalten werden sollte), folgt der Bericht eben erst jetzt.

Letzten Herbst freute ich mich sehr über das Booking in der Alten Feuerwache / Mannheim, in der Bonobo auflegen sollte. Dummerweise unterschätzte ich das Publikum und den Act, sodass das Konzert schneller ausverkauft war, als wir Tickets kaufen konnten. Umso erfreulicher, dass die The North Borders Tour 2014 fortgesetzt wurde und auch Wiesbaden auf dem Tourplan stand. Diesmal sicherte ich mir ohne zu zögern mein Ticket – zum Glück, die Schlachthof-Halle war mal wieder ausverkauft. Ein erfolgreiches Jahr bisher für unseren liebsten Kulturverein Wiesbadens (kudos!).

Doch bevor Bonobo inklusive vollbesetzter Band die Bühne betrat, sollte der Voract Werkha die pünktlich erschienenen Zuschauer einheizen. Werkha ist mir seit einer Weile bekannt durch den Youtube-Channel Eton Messy, der regelmäßig neuen heißen Scheiß aus den Genres Future Dub / Garage / Experimental hochlädt. Ähnlich also wie der Erfolgskanal Majestic Casual, der mittlerweile knapp 1,6 Millionen Abonnenten zählt (stand: 04.04.14).

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(Entschuldigt die grausame Bildqualität, mir wurde die Kamera abgenommen (kein Fotopass) und mein Handy gibt nicht viel her..)

 
Doch wer ist eigentlich dieser Werkha? Tom A. Leah aus Manchester, geschätzt Anfang 20 mit verschiedenen Instrumenten und vor allem Beats im Gepäck. Cube & Puzzle erinnert an James Blake und auch sonst sind seine Tracks weitestgehend dem Post-Dubstep zuzuordnen.
Umso überraschter war ich, als Tom mit E-Gitarre die Bühne betrat und anfing sein komplett elektronisches Repertoire so gut es ging live zu spielen. Im Gegensatz zum restlichen Publikum, das noch nicht richtig wusste was sie erwarten würde, war mein Körper ab der ersten Sekunde im Tanzmodus gefangen.
Er selbst war sichtlich nervös und unsicher (dennoch unglaublich sympathisch), da es seine erste Supportshow der Bonobo-Tour war. Sein charmantes aus-dem-Häuschen-sein lässt sich in Form von Posts auf Facebook und Twitter nachvollziehen. Sweet.
Als sein letzter Track Sidesteppin’ einläutete, wurde ich schon ein wenig wehmütig und fragte mich, wo die Zeit geblieben sei, da ich wusste, er würde diesen Track ans Ende seines Sets setzen, um den perfekten Übergang zum Hauptact zu schaffen. Das hat er in der Tat, denn plötzlich konnten sich die Leute um mich herum nicht mehr halten und ließen sich endlich auf die Musik ein.

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Nach kurzer Verschnaufpause sprangen nacheinander Mitglieder der Livebandbesetzung auf die Bühne; Bonobo himself aka. Simon Green an den Buttons & Bass, ein Saxophonist, Schlagzeuger und Gitarrist waren ebenfalls mit an Bord. Mit Cirrus, der ersten Singleauskopplung des 2013 erschienen Albums The North Borders, welches ich auf den überragenden 1. Platz unserer Jahrescharts setzte, stimmten sie die Show gelassen ein. Auf Sapphire folgte Towers, der erstmalig an diesem Abend von Vocals begleitet wurde. Dafür betrat nun auch Szjerdene, umhüllt in halbdurchsichtigem Vorhang Spitzenkleid, die Bühne und sorgte mit ihren Hüftschwüngen für höher schlagende Männerherzen.

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Nach dem Auftakt mit neueren Songs kam der erste alte Track Stay the Same und wurde zu seinem Besten gegeben. Bei der Atmosphäre spielen Licht und Visuals eine große Rolle, so hatte man bei diesem Song nicht das Gefühl im Winter in einer Konzerthalle zu stehen, sondern irgendwo südlich des Äquators beim Beobachten des Sonnenuntergangs durch geschicktes Einsetzen von Strahlern. Zugegeben passt dieses Ambiente auch um einiges besser zur elektronischen Jazz/Soul-Musik von Bonobo, als das triste Wetter in Deutschland.

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Das Prelude vom Black Sands Album, auf das anschließend Kiara folgte, führte zum Ausnahmezustand. Scheinbar hat sich der größte Teil der anwesenden Menschenmasse mehr mit dem “alten Zeug” auseinandergesetzt oder findet dieses zumindest besser, denn trotz der entspannten Klänge wurde wild getanzt, gegröhlt und applaudiert. Ein seltener Anblick auf Konzerten im Rhein-Main-Gebiet..
Ich dachte, die Stimmung kann nicht besser werden und habe mich damit geirrt. Sehr geirrt. Denn der Stimmungsbogen erreichte sein Maximum mit Kong, ebenfalls von der Black Sands Platte. Ich kann mich nicht entscheiden, ob die Wolke über den Menschen mehr nach Schweiß oder Cannabis roch, aber das spielt auch gar keine Rolle. Der riesige Exzess, eine fette Party – das hätte ich beim besten Willen nicht erwartet, höre ich mir die Bonobo Scheiben doch eher zum entspannen in der Sonne an.
Mit Ketto genehmigte uns man einen Track zum Runterkommen, ehe man wieder die Hüfte zu Emkay kreiste.

Was mir nicht gefiel war die Live-Interpretation von First Fires, das im Original von Grey Reverend gesungen wird. Natürlich können bei den ständig wechselnden Sänger-Kollaborationen nicht alle mit auf Tour kommen, um jeweils ein Lied zu singen. Aber meiner Meinung nach passt die weibliche Stimme von Szjerdene nicht zu diesem Track bzw. das original ist zu perfekt, um es ansatzweise “covern” zu können.

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Ebenfalls unbekannt war die Version von Get Thy Bearings, die im Original von Donovan veröffentlicht wurde. Übrigens: Exklusiv zum Record Store Day 2014 am 19. April gibt es eine limitierte Anzahl 7″ Singles dieses Covers!

We Could Forever beendete der Saxophonist mit einem grandiosen Solo. Das war wieder einer dieser Songs, die die Masse zum Toben brachte und ich kann die Begeisterung nur weitergeben: Wenn alle Elemente der Musik live in voller Band gespielt werden, entsteht ein Sound, den der Mensch erstmal verarbeiten muss. Die ersten Symptome setzen mit “Zuckungen” ein, auch Tanzmoves genannt, die sich nicht kontrollieren lassen. Die Freude am Erlebnis steht im Vordergrund und nicht etwa die Ästhetik. Hörte der eine Song mit Saxophon auf, fing der nächste – El Toro – auch schon wieder mit Saxophon an. Der Saxophonist bekam also eindeutig seine besonderen Momente, so durfte man den Schlagzeuger nicht vernachlässigen und ließ ihn mit einem gewaltigen Drumsolo nach Know You die Show (vorerst) beenden.

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Natürlich war nach siebzehn Titeln noch nicht schluss (#hach) und sie kamen für zwei ruhigere Zugaben, Pieces und The Keeper noch einmal auf die Bühne. Leider müssen auch die besten Konzerte zu Ende gehen, also verließen sie endgültig die Bildfläche und nahmen tosenden Applaus und das obligatorische Smartphone-Bild des Publikums mit nach Hause.

 

Setlist

01. Cirrus
02. Sapphire
03. Towers
04. Stay the Same
05. Prelude
06. Kiara
07. Ten Tigers
08. Kong
09. Ketto
10. Emkay
11. First Fires
12. Get Thy Bearings (Donovan Cover)
13. Recurring
14. We Could Forever
15. El Toro
16. Transits
17. Know You

Zugaben:
18. Pieces
19. The Keeper

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Photo Credits: Carina Huber