In Stuttgart geht nichts. Oder zumindest recht wenig, wenn man von der Theodor-Heuss-Straße absieht (auf die wirklich niemand möchte) und bedenkt, dass der Kessel eine Großstadt überhalb der 500.000er-Marke ist. Die Hoffnung stirbt zwar bekanntlich zuletzt, doch haben wir die leise Ahnung, dass es bis zu diesem Begräbnis noch etwas dauern wird, denn eine Riege neuer Veranstaltungsreihen kommt mit großen Schritten auf die Region zu.
Um diese näher zu beleuchten und dafür zu sorgen, dass auch die Motzer und Meckerer (uns eingeschlossen) in Zukunft zweimal darüber nachdenken, bevor sie Sätze wie den ersten dieses Artikels sagen, haben wir uns mit dem Partylabel Liebe Geht Raus aus Herrenberg getroffen.

Zu allererst: wie hat Liebe Geht Raus begonnen, wo liegen seine Wurzeln, wo kommt es her?

Anfang 2014 war ich nach langer Zeit mal wieder regelmäßiger in Berlin unterwegs und habe da die Berliner Techno-Szene und die angesagten Clubs kenne
nlernen können, was mich wieder zum Feiern gebracht hat. Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass das Jugendhaus in Herrenberg großes Potential hat, bislang waren da nur die jährlichen Schulpartys der örtlichen Gymnasien gewesen.
Die Intention von Liebe Geht Raus war von vorneherein, dass wir etwas anders machen wollen. Gerade das habe ich in Berlin so geliebt: Ich habe dort auf Partys gespürt, dass die Menschen sich damit identifizieren wollten und konnten. Das ist meiner Meinung nach ein Problem der heutigen Zeit: wir haben zu viel Auswahl, zu vieles will gefeiert werden, ob auf Facebook, Soundcloud oder Twitter. Es gibt da ein totales Überangebot.
Etwas, was wir an der heutigen Feierkultur – insbesondere in Stuttgart – kritisieren, ist das Gefühl, das man beim Feiern vermittelt bekommt: du kommst zum Club, da musst die dich am bescheuerten Türsteher vorbeischlagen, dann wurde ein überteuerter Act reingebucht, es kostet deswegen unfassbar viel und es wird sich einfach keine Mühe mehr gegeben. Deswegen dachten wir uns so: Lass uns das anders machen.
Im April 2014 sind wir also auf ein paar Leute zugegangen und haben sie gefragt, ob sie uns helfen wollen, ein Partylabel zu gründen. Alle waren direkt Feuer und Flamme.

Wie seid ihr zu dem Namen gekommen?

Ich habe mir sehr viele Gedanken gemacht, habe viel aufgeschrieben und versucht, die Einflüsse aus anderen Projekten auf mich wirken zu lassen und bin schlussendlich auf diesen Namen gekommen. Der Name ist Programm und passt zu unserem Konzept. Schon bevor wir überhaupt öffentlich gemacht haben, dass wir ein Partylabel gründen wollen, nutzten wir „Liebe Geht Raus“. Seitdem war das auch immer öfter ein Satz, den wir einfach so zur Verabschiedung gesagt haben, so „Ciao, mach’s gut, Liebe geht raus.“

Und wie ging es dann weiter?

Zuerst musste ein Logo her, das hat ein Freund von uns, dessen Design uns schon immer angesprochen hat, für uns entworfen. Außerdem haben wir Sticker produzieren lassen, denn das ist auch etwas, was uns hier fehlt: auffällige Sticker, die im Kopf bleiben, aber nichts mit Politik zu tun haben. Auf dem ersten, den wir haben drucken lassen, stand „Wir lieben deine Mutter“. Da ging es natürlich darum, wie wir am Anfang die meisten Menschen erreichen können und haben dann neben den Stickern auch noch Banner gedruckt, die wir auf der allerersten Party im April aufgehängt haben. Die Leute, die dort waren, haben dadurch direkt gemerkt, dass das nicht einfach nur eine Party ist, sondern dass gerade etwas kleines Großes beginnt. Was uns da auch enorm geholfen hat, war, dass in Herrenberg wirklich jeder jeden kennt. So kam es auch dazu, dass am Tag der Veranstaltung bei einer Hausräumung viele Helfer spontan mit einem Sprinter lauter Sofas abgeholt haben. Die Leute konnten sich wohlfühlen, es war eine schöne Atmosphäre und nebenbei sind sie auf der Tanzfläche komplett ausgerastet.

War es schwer, an dem Erfolg anzuknüpfen?

Nein, überhaupt nicht. Im Oktober war direkt schon die nächste Party, bei dir wir dann endgültig gemerkt haben, dass die Menschen, die wir erreichen wollten, das, was wir machen, wertschätzen. Wir hatten damals keine Facebook-Veranstaltung gemacht, sondern nur Sticker mit den Veranstaltungsdetails verteilt. Ursprünglich war das geplant, damit es nicht wieder so voll wird wie das letzte Mal. Der Plan ist allerdings nach hinten losgegangen: es wurde noch voller.

Gab es zu der Party auch wieder einen Motto-Sticker?

Klar! „Deine Eltern sind Spießer“ stand drauf und naja, dass sich damit jeder identifizieren kann, ist wohl recht eindeutig. Jeder denkt doch von seinen Eltern, dass sie Spießer sind. Und wir werden mit Sicherheit auch irgendwann zu welchen. Wir wurden von jungen Eltern angesprochen, ob sie solche Sticker haben könnten. Zudem saß ich mal in der S-Bahn, wo ein Sticker von uns geklebt hat und einem älteren Ehepaar ist dieser sofort aufgefallen und man hat gemerkt, dass es sich darin auch wiedergefunden hat. Das hat uns gezeigt, dass das Motto einfach durch die Bank weg alle Generationen gleichermaßen anspricht.

Wie kamt ihr dann auf die Idee, nach Stuttgart umzusiedeln?

Wir hatten nach dieser zweiten Party viel Zeit uns umzuschauen, waren uns auch schon recht lang sicher, dass wir uns vergrößern wollen und haben uns daraufhin mit den Betreibern des Zollamts zusammen gesetzt und die ersten Termine dort festgemacht.
Bevor es soweit war, haben wir aber noch eine Abschiedsparty im JuHa in Herrenberg mit lokalen DJs und den ganzen Leuten, die uns bis dahin begleitet haben, gemacht.

Was hat sich verändert, seit ihr in Stuttgart Partys macht?

Naja, es gibt hier eine Sache, die uns wirklich stört: Dieser Zustand, dass so eine Art Rave-Kultur vorherrscht, in der vieles auf Drogen basiert ist. Es geht immer sehr viel um Leistung: wie tanzt der andere, wie ist er angezogen, hänge ich gerade mit dem DJ ab oder nicht, komme ich noch Backstage? Deswegen haben wir uns viele Gedanken gemacht, wie wir uns dieser vorsichtig ein Stück weit entziehen können, ohne uns untreu zu werden.

Wie habt ihr dieses Problem dann letztendlich gelöst?

Zunächst mal haben wir viel umstrukturiert, haben unsere ursprüngliche Idee erneut für uns definiert und uns klar gemacht, welche Leute wir ansprechen wollen und welche nicht. Auch das Artwork hat sich verändert, wir haben jetzt unter anderem eine super Fotografin – Rebecca Kraemer – gefunden, die sowohl als Fotografin als auch als kreativer Teil fungiert und dem Design von Liebe Geht Raus mit ihren Bildern einiges an Reife verleiht. Zu der letzten Party im Zollamt hat sie beispielsweise die 300 Fotos, die dort überall hingen, beigesteuert.

Ihr legt ja großen Wert darauf, die DJs, die von Anfang an mit dabei waren, weiterhin zu buchen. Woher kommt diese Motivation?

Wir haben uns von Anfang an auf die Fahnen geschrieben, dass wir mit Liebe Geht Raus nicht nur dick feiern, sondern auch eine Art der Künstlerförderung in Gang setzen wollen. Uns ist es ganz wichtig, dass wir nicht dem Kommerz verfallen. In allem, was mit Kunst zu tun hat, regiert das Geld. Wir versuchen, zu dieser Art, mit kreativen Projekten umzugehen, einen möglichst großen Abstand zu halten. Dass wir weiterhin die selben DJs buchen war für uns schon immer klar, denn wir sind stolz darauf sagen zu können, dass wir in unserem Projekt mit den Musikern keine Geschäftspartner, sondern Freunde sind. Deswegen haben wir uns auch überlegt, dass wir unsere „Residents“ mit nach Stuttgart nehmen möchten. Wenn wir größer werden, werden auch sie größer.

Wer genau sind denn eure Residents?

Zurzeit sind das drei an der Zahl: Andrew Kapp, Crossfaded und Jonas Leibinger. Die drei liefern uns genau die Musik, die wir im Moment lieben und die Liebe Geht Raus genau den Sound liefern, nach dem es schon immer gesucht hat, was es für uns umso schöner macht, dass wir gemeinsam wachsen.

Gebt uns mal einen kleinen Ausblick: wie geht es weiter?

Unsere nächste Party ist am 16. Januar im Zollamt in Stuttgart. Dort spielen wieder unsere drei Residents sowie Sebbo, eska und Spätzle mit Soß. Wir haben uns dafür recht lange überlegt, ob wir große Acts buchen sollen und uns aber letztendlich dafür entschieden, weiter am Gesamtkonzept zu feilen anstatt nur mit den DJs zu werben. Generell haben wir ab sofort alle zwei Monate Liebe Geht Raus-Veranstaltungen im Zollamt, je nachdem, wie es sich dann entwickelt, werden wir reagieren. Wir haben da also noch nicht so sehr viel Offizielles zu sagen – obwohl wir intern natürlich schon sehr viel grübeln und konzipieren.
Eins können wir noch verraten: zu unserer kommenden Party werden Filmfabrik Schwaben eine Foto-Ausstellung beisteuern. Dementsprechend öffnen sich die Türen schon um 20:30 Uhr, die DJs legen aber erst um 23 Uhr los. Liebe Geht Raus hat einen neuen Fixpunkt, an dem es sich festhalten kann und geht somit in eine neue Runde, auf die wir sehr gespannt sind.
Desweiteren findet unsere allererste Labelnight am 29. Januar 2016 statt. Wo genau das stattfinden wird, verraten wir aber noch nicht.

Zu späterer Stunde nach dem ein oder anderen Kaltgetränk im Café Weiß fielen die Worte “Wir sind doch schließlich Kinder der Nacht” – und das sind die Macher von Liebe Geht Raus ganz gewiss: Kinder der Nacht, denen weniges mehr am Herzen liegt, als diese für uns alle unvergesslich zu gestalten.

Andrew Kapp

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Crossfaded

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Jonas Leibinger

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