Wir starten mit Regen in das Wochenende. Fortan kann sich das Wetter noch nicht so recht entscheiden, ob es schon Sommer ist oder doch nicht. Um der Stimmung beim diesjährigen Immergut Festival schon zu Beginn ein Bild zu geben: Egal ob Regen, Wind oder Sonnenschein, die Besucher tanzen, feiern und genießen, niemand verkriecht sich.

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Zwei Tage lang konnten wir am letzten Maiwochenende rund dreißig Künstler und Musiker bestaunen. Einige von ihnen stellten wir euch bereits im Vorfeld vor. Wenn ihr euer Wochenende woanders verbracht habt, als in Neustrelitz, bekommt ihr hier einen Einblick in unser erstes Immergut Festival. Wir lassen euch mit Bilderwelle und abschließender Playlist hineinfühlen in das kleine Idyll an der Mecklenburgischen Seenplatte.

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Freitag

Das Gelände ist schnell erkundet. Direkt am Eingang befindet sich ein großes Zelt mit Merchandising vom immergut e.V., sowie den auftretenden Künstlern des Wochenendes. Wenn man sich durch T-Shirts und Platten gestöbert hat, kann man weiterhin Schmuckstücke und Taschen kleiner Labels beschauen, sich über die Universität Greifswald informieren (schließlich haben die Bewerbungsfristen der Universitäten des Landes begonnen) und Postkarten selbst gestalten. Nach dem kleinen Shopping-Ausflug gibt es erst einmal etwas zu Essen auf die Hand. Einige mögen es bedauern, doch wir finden in der Food Corner nicht das obligatorische Handbrot, sondern andere Spezialitäten. Von veganem Döner über mexikanische Tortillas, Pulled Pork, Burger und Pommes Frites bis zur, in sonnigen Stunden reich verzehrten, Eiscreme, findet jeder etwas für seinen Geschmack. Für die persönliche musikfreie Zeit stehen einige Kunstinstallationen zur Schau und auf dem ganzen Gelände verteilt finden sich viele Sitzmöglichkeiten und gemütlich eingerichtete Ecken. Man sieht die Liebe zum Detail, die die Veranstalter in ihr Baby stecken und fühlt sich dadurch noch viel wohler. Umrahmt von grüner Waldidylle, schlendert man so schließlich entspannt zwischen den Bühnen hin und her und bestaunt die musikalischen Attraktionen. Mit keinerlei Überschneidungen im Timetable, kann man das sehr gelassen tun.

Der Tag startet im Birkenhain, der kleinsten von drei Bühnen. Pünktlich um 15:40 Uhr eröffnet die schlanke Missincat das Festival. Caterina Barbieri stammt aus Italien und wanderte schließlich nach Berlin, um dort an ihrer Musikkarriere zu feilen. Sie ist eine von den vielen Singer-Songwriterinnen, die einige Fans haben, sich aber doch nicht von der Masse abheben. Es fehlt die Besonderheit. Mit einem irgendwie gekünstelt niedlich klingendem Gesang begleitet sie die sehr ruhigen Töne der Instrumente, ab und an soll mal ein elektronischer Klang zum Aufpeppen helfen. Alles in Allem schafft sie einen Einstieg in das Wochenende, der die Stimmung wiederspiegelt. Das Publikum sitzt vor der Bühne und schaut sich an, was der erste Act so kann. Einige andere schauen sich dann lieber an, welches T-Shirt sie sich kaufen.

Ohne große Pause geht es mit Linus Volkmann weiter. Die meisten Zuschauer bleiben direkt sitzen um sich die erste Lesung des Wochenendes zu Gemüte zu führen. Es kommt ein Herr mit großer Brille und grauer Strickjacke, verziert mit neonleuchtenden Kirschen, auf die Bühne, reißt einen Witz nach dem anderen und lacht mehr oder weniger alleine. Der Autor redet und witzt über Hipster und man muss sich sowohl fragen, wie viel Ironie dahinter steckt, als auch, wie viel Hipster Volkmann selbst sein möchte. Es bleibt die Einsicht: Das Buch Lies die Bieber kann man sich gerne zu Gemüte führen, dann aber lieber selbstlesend im Café zum Latte Macchiato.

Tops bringen zum ersten Mal am Tag Festivalstimmung zum Vorschein. Die kanadische Band liefert eine souverän coole Show wie auch schon beim Maifeld Derby

Schon den ganzen Tag freuten wir uns auf die Zusammenkunft von Francesco Wilking und Moritz Krämer, endlich ist es soweit. Im Rahmen des TV Noir Festivalsommers treffen sich die beiden mit Klavier und Gitarren auf der kuscheligen Birkenhain-Bühne, die mit einer großen Stehlampe und einem Bild an der Wand schnell zum Wohnzimmer wird. Dazu passt der freundschaftliche Umgang der beiden miteinander, wie auch mit dem Publikum. Die zwei gestandenen Musiker überzeugen, wie erwartet, mit ihren Stimmen, Instrumenten und Charme.

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Die Jungs von Trümmer legen in den frühen Abendstunden schließlich den Startschuss in der Zeltbühne. Auch außerhalb des Zeltes merkt man, wie die schwitzende Menge sich darin bewegt. Das Publikum lässt sich treiben von der geballten Power der Band, die die ganzen vierzig Minuten Spielzeit anhält.

Mit Element of crime betreten alte Hasen die größte Bühne des Festivals, der Waldbühne. Es gibt eine kurze Begrüßung und ohne viel Schnickschnack wird souverän gekonnt eine Stunde mit Liedern gefüllt, die irgendwie alle Klassiker sind und die irgendwo immer jemand mitsingen kann. Das Publikum ist gemischt wie sonst nirgends. Sind die Einen geschworene Fans der Band, lassen sich die Anderen erst vom Charme der Musik überzeugen. Als die fünf Herren von der Bühne gehen, gibt es tosenden Applaus. Zum Glück gibt Frontmann Sven Regener den Hinweis, dass gleich noch eine Zugabe folgen wird und sofort applaudieren die Schauenden noch mehr. Es folgen drei weitere Songs und man geht schließlich mit ein bisschen Sehnsucht nach noch mehr.

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Ghostpoet spielt im dunklen Abendlicht auf der Open Air Waldbühne. Auch von seinem Können konnten wir uns schon beim Maifeld Derby überzeugen, hier liefert der Brite erneut lässig ab.

Zu später Stunde drängen sich dann viele Festivalbesucher auf das Gelände, um Balthazar zu erleben. Das überrascht ein wenig, haben wir die Band doch im letzten Jahr noch an einem ruhigen Festivalnachmittag gesehen, an dem das Publikum weder zahlreich noch ekstatisch war. Die Stimmung hier ist nun sehr gut und nimmt nicht ab, noch in den hintersten Reihen wird getanzt. Die Band legt schließlich den Startschuss ins Nachtprogramm, in der zu Zentralheizung of death, Occupanther und Radio-Dj-Teams bis in den Morgen getanzt wird.

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Samstag

Erneut entspannt beginnt der zweite und gleichzeitig schon letzte Tag des Festivals mit Gereon Klug, der uns Perlen seiner Schreibkunst vorführt. Mit dabei ist Maurice Summen, Plattenchef des Berliner Labels Staatsakt. Die beiden unterhalten das Publikum sowohl vortragend als auch interaktiv. Wir dürfen am Quiz “Welche der Anekdoten über DJ Koze sind wahr?” teilnehmen und bekommen sogar die ungekürzte Fassung Klugs Artikels über die Konzerthysterie der Böhsen Onkelz, der eine Woche später in der Zeit erscheint. Es herrscht Sympathie in der Runde um den Birkenhain. Klug schließt mit einem Witz und wer von den beiden danach nicht mehr hören möchte, der ist mit großer Wahrscheinlichkeit zu betrunken.

Jonas Alaska gibt um 16:30 Uhr nicht das erste Konzert an diesem Tag. Schon zwei Stunden vorher begeistert er ein paar Leute in idyllischer Waldromantik am nahe gelegenem See mit einigen wenigen Liedern. Auf der kleinen Bühne nun bleibt es weiterhin kuschlig. Es versammelt sich eine große Menschenmenge um den zarten Norweger und seiner Band und deren Spiel findet Anklang. Wird der Herr doch oft als Singer-Songwriter bezeichnet, so kann man das eigentlich gar nicht festmachen. Es gibt zu viele Songs, die wirklich nach Band klingen, doch gerade der Mix macht es ja auch vielleicht einzigartig.

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Es folgt ein glatzköpfiger Mann im grauen Shirt und körperloser E-Gitarre. FIL stellt sich als 49-jähriger glücklicher Single vor und fängt an, über Pärchen zu lästern. Als er sich schon beim ersten Lied völlig verausgabt und das T-Shirt vom Leib reißt, müssen wir doch nochmal das Programmheft zücken: Ja, der Herr da oben ist eigentlich für eine Lesung angekündigt. Scheinbar ist sein altes Comedy-Ego aber noch zu tief verankert und so präsentiert er sich als viel zu kindischer Erwachsener, der nur von den schon heiter Betrunkenen und der Jugend, die nichts mit ihrem Leben anzufangen weiß, als wahrhaftig und humorvoll wahrgenommen werden kann. Wir müssen gestehen, es bleibt offen, ob Philip Tägert, so der bürgerliche Name, in seiner 45-minütigen Stagetime überhaupt noch anfängt zu lesen. Wir gehen nach der zweiten E-Gitarren-Performance im frischen T-Shirt.

Am Abend freuen wir uns auf den lauen, südlichen Sound Erlend Øyes. Der bespielt uns unter windiger Freiluftkulisse mit seiner Band. Erlend Øye & the rainbows lassen mit dem eben doch typischen Sound den Abend leider eher aus- als einklingen. Jeder tanzt dazu, aber eben nicht mit der Freude an rhythmischen Bewegungen, sondern als ein Dahintreiben und der inneren Sehnsucht nach dem Sommer.

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Schnell umschalten kann man dann wieder bei Beaty Heart. Im Zelt wird es auch gleich wärmer, sodass viele Besucher zu King Khan and the shrines strömen. Die Stimmung hat wieder einen Hochpunkt gefunden, der Herr im Gewand und Ananas-Kopfschmuck ist total verrückt und heizt die Leute ein, bis schließlich das Keyboard in der Menge landet. Die Nacht geht nun voller Power weiter mit Die Nerven, Battles, Jakob Korn und Egokind & Ozean. Wer danach noch nicht genug hat, darf sich, wie auch die Nacht davor, von DJs zum Tanzen treiben lassen.

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Die himmlische Gestalt des Geländes und die doch sehr indipende Musikauswahl lassen den Eindruck eines unabhängigen Festivals ganz ab vom Mainstream entstehen. Nicht ohne Grund ist das Immergut Festival mittlerweile in vieler Ohren, wenn es um musikalische Neuentdeckungen geht. Während einem auf anderen Musikveranstaltungen viele Menschen mit gut getaktetem Zeitplan entgegenkommen, sieht man hier eher mal ein paar Leute vor der großen Tafel in der Mitte des Geländes stehen, die Auskunft über die Spieltermine der Künstler gibt. Oder aber jemand zückt während der Veranstaltung das Infoheftchen, um zu schauen, was er sich da gerade eigentlich anhört. Die allgemeine Stimmung ist Lässigkeit, es gibt vereinzelte persönliche Favoriten, die man sehen möchte. Den Rest schaut man sich gerne auch an wenn man gerade in der Nähe ist. Um noch ein bisschen in Erinnerung zu schwelgen und den weiteren Festivalsommer nun auf sich zukommen zu lassen, gibt es hier noch eine Playlist mit allen Acts des diesjährigen Immerguts. Wir freuen uns jetzt schon auf das Nächste!

 

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Photo Credits: Ferdinand Malcher