Silent Treatment, welches das internationale Debüt des norwegischen Quintetts Highasakite darstellt, wurde nach ihrer In and Out of Weeks EP (2012), die nur in ihrem Heimatland auf den Markt gebracht wurde, mehr als heiß erwartet. Die Fans scharrten ungeduldig mit den Hufen, die größtenteils europäische Presse ebenfalls, am 07. April erschien es endlich weltweit und das, was da erschien, überflutete mich dermaßen, dass ich eine Weile brauchte, um meine Eindrücke verschriftlichen zu können.

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Zehn Tracks befinden sich auf diesem Album, die einen mitnehmen auf eine Reise quer durch musikalische Genres von Indie Pop über norwegischen Folk bis hin zu elektronischeren Gefilden.

Tracklist

cover-highasakite-silent-treatment 01 Lover, Where Do You Live?
02 Since Last Wednesday
03 Leaving No Traces
04 Hiroshima
05 My Only Crime
06 The Hand Grenade
07 Darth Vader
08 Iran
09 The Man On The Ferry
10 Science & Blood Tests

Alles beginnt mit der zärtlich, beinahe zerbrechlich gesungenen Frage

Lover, where do you live?

, die der sich langsam aufbauenden und zutiefst emotionalen Ballade ihren Namen geben soll. Schnell wird klar: die Songs bauen sich um Håvik, Sängerin der Band, und ihre Stimme auf, die die zumeist psychedelisch angehauchten Lyrics mit einer gehörigen Portion Diversität versorgt. Essenziell wichtig für den Gesamteindruck sind außerdem die Synths, für die gleich zwei Mitglieder der Band verantwortlich sind. Diese sorgen gemeinsam mit dem nordischen Charme, der mit seiner Verträumheit an Björk erinnert, dafür, dass der Indie Pop in manchen Momenten mit seinem Genrenachbar, dem Dream Pop, verschmilzt.

Since Last Wednesday, ohne Frage der Keytrack des Albums, bringt mit seiner Ohrwurmqualität ab der ersten Sekunde Dynamik ins Spiel und lässt den Hörer so schnell nicht mehr los. Auch ich höre es seit Wochen in Dauerschleife, weswegen es seinen Platz in unseren letzten Weekend Vibes sicher hatte.

Nach dem ähnlich dynamischen Leaving No Traces folgt erneut ein ruhigerer Song: Hiroshima. Dieser erinnert mit seiner anfänglichen Zerbrechlichkeit und der Satzmelodie an SoKo, was mich als großer Fan dieser Sängerin sofort in seinen Bann gezogen hat. Nach und nach gewinnt der Gesang an Sicherheit, die Instrumente werden lauter, die Klangkulisse gewaltig, bevor Håviks leichtfüßiger Singsang allein langsam das Ende einläutet.

My Only Crime, das beim ersten Hören durch seinen volksliedartigen Charakter zunächst rausfiel, ist einer dieser Tracks, die erst mit der Zeit ihre ganze Schönheit entfalten. Vergleichbar mit der Ballade, die am Anfang steht, wird auch hier vor allem auf die ruhigen Töne Wert gelegt. Und noch etwas fällt auf: die instrumentale Begleitung ist extrem reduziert, die sonst so präsenten Synths werden hier nicht einmal angerührt.

Das soll aber nicht lange so bleiben, denn bereits The Hand Grenade wird wieder durch eben diese eingeleitet. Der schlagzeuggeprägte Refrain jagt einem Gänsehaut ein, das Klanggebilde, das sich immer weiter aufbaut, erstreckt sich vor einem wie ein immer und immer größer wachsender Berg und ist von mindestens genauso großer Schönheit.

Nummer sieben (Darth Vader) und Nummer acht (Iran) schließen, die ausgelassene Stimmung und die Gute-Laune-Eigenschaft betrachtend, nahezu nahtlos aneinander an. In Letzterem zeigt Håvik einen weiteren Vorzug ihrer glasklaren Stimme: auch exotische Laute, wie das, was sich um die fünfzigste Sekunde erstmals abspielt und man als eine Art Jodeln in südlichen Sprachen beschreiben könnte, bringt sie ein, als würde sie gerade die normalsten Lyrics der Welt vortragen.

Der Anfang (~15 Sekunden) des vorletzten Songs könnte mit der tiefen Stimme und der schweren, bedrückenden Melodie ebenso auf einem Lana Del Rey Album zu finden sein. Schnell finden Highasakite ihren eigenen Stil wieder und behalten diesen bis zum Ende bei. Für mich, unter anderem wegen seines abrupten Endes, was mich in den allermeisten Fällen anspricht, einer der stärksten Momente der Platte.
Abschließend fasst Science and Blood Test all das, was wir in den letzten 45 Minuten gehört haben, zusammen: man entdeckt die wunderschöne Stimme, die erst ruhig beginnt und sich zunehmend aufbäumt, Instrumente, die ein sphärisches Gerüst im Hintergrund erzeugen und in den letzten Atemzügen natürlich die uns nun nur allzu bekannten Synthesizer.

Fazit:

Highasakite haben mit ihrem ersten internationalen Langspieler nicht nur ihre Fans und die Presse begeistert, sondern auch mich. Mir gefällt die Abwechslung, die dieses Album in sich trägt und das solide Fundament, auf dem es gebaut ist. Vor allem die ruhigen Nummern haben mein Herz zum Schlagen, mich zum Mitfühlen und Träumen gebracht. Noch besser wäre dieses hypnotische Ereignis gewesen, wäre man auf das Ende vorbereitet worden, denn das wurde ich zumindest leider nicht.

8/10

Das vollständige Album könnt ihr euch via Nylon in voller Länge anhören und/oder es euch kaufen (zB hier). Ich rate natürlich zu Letzterem, schließlich geht nichts über das Unterstützen eines Künstlers den man mag in Verbindung mit den netten Nebeneffekten des Booklets und des stolzen Ausstellens in der privaten CD-Sammlung.
Falls ihr Highasakite live erleben wollt, werft einen Blick in unseren schicken Konzertkalender in der Sidebar.

Photo Credits: Tonje Thielesen