“Wer nicht eskaliert, wird verprügelt.”

Das war der erste Satz, den ich beim Betreten der Centralstation Darmstadt wahrnahm. Eskalation, wie? Fragezeichen formten sich über meinem Kopf. Zugegeben habe ich mich vor dem Konzert nicht intensiv mit The Glitch Mob beschäftigt und die Motivation hielt sich dementsprechend in Grenzen. Aber was ich nach einmaligem Hören der Alben Drink The Sea und dem kürzlich erschienenem Love Death Immortality in Erinnerung hatte, waren – wie der Bandname schon vermuten lässt – verglitchte elektronische Beats (/Geräusche), die größtenteils atmosphärisch durch mein Zimmer schwebten. Entweder mangelt es bei mir an Aufmerksamkeit oder edIT, Boreta und Ooah (natürlich tragen die Mitglieder einer Glitch-Gruppe Namen, die auch von anderen Planeten stammen könnten) wissen ganz genau, wie sie mit ihrer eher gediegenen Musik das Publikum zum Ausrasten bringen können. “Gediegen” aus dem Grund, weil es dennoch signifikante Unterschiede im Gegensatz zu typischen Electro und Electro Punk Artists wie Cyberpunkers, The Bloody Beetroots, Crookers etc. gibt. Genau deswegen verunsicherte mich die Konversation übers Eskalieren.

Aber wer sind diese Menschen, die der Centralstation die Karten aus den Händen rissen und sie spürbar (!) bis auf den letzten Platz leerkauften? Die Eindrücke 30 Minuten nach Einlass: Männer. Alles schwarz. Frühe Vögel. Ein Glitch Mob Konzert kann also für jedes Mädchen eine gute Vorbereitung auf ein technisch/mathematisches Studium sein, da man zwischen den gefühlten 95% männlichen Besuchern sich doppelt vergewissern muss, auch wirklich bei der richtigen Veranstaltung und nicht etwas auf der Gamescom gelandet zu sein. Wohin man auch sah, sah man in Band-Merchandise eingekleidete Typen, die mit ihrem Kaufrausch den Vergleich mit der Gamescom nur umso mehr verstärkten. Am auffälligsten war jedoch, dass die mittelgroße Location kurz nach Einlass schon aus allen Nähten platzte und wir selbst im Laufe des Konzerts nicht von unserem Platz im hintersten Drittel weiter nach vorne kamen. Der ausverkaufte Ólafur Arnalds Gig letzten Winter am gleichen Ort war definitiv angenehmer, auch wenn man bestuhlte und unbestuhlte Konzerte natürlich nicht miteinander vergleichen kann..
So viel zur äußeren Situation, die natürlich das Feeling beeinflusst, aber nicht zum Verurteilen leiten sollte.

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Als Voract stand Ill Padrino auf dem Plan. Gesehen hat man bis 22.15 Uhr rein gar nichts, aber die im Hintergrund laufende Musik lässt sich als ausgeklügelter beschreiben, als das bloße Abspielen einer Playlist. Demnach gehe ich davon aus, dass der Darmstädter Dubstep-DJ auf entweder auf unbeleuchteter oder neben der Bühne seine Tracks miteinander vermischte. Bis 22.22 Uhr stand er allerdings oben (also ganze sieben Minuten), schenkte dem Publikum ein Lächeln und verschwand ebenso schnell wieder auf mysteriöse Weise. Das Set bestand größtenteils aus Electro und Dubstep Tracks, die mich noch einmal an der Ausgangsaussage zweifeln ließen: “Eskalation? Wird es noch besser und tanzbarer als jetzt, wo doch in diesem Moment Clubreifer Wind aus den Boxen durch den Saal weht und das Trio im Anschluss damit nichts zu tun haben wird?”
Ich irrte mich, so viel sei gesagt.
Doch bevor man mich vom Gegenteil überzeugte, ließen die drei Jungs aus L.A. das Publikum stolze zehn Minuten mit einem langsam-brummigen Intro zappeln. Für meinen Geschmack etwas zu lang (selbst Sigur Rós und Justice haben so lange nicht auf sich warten lassen). Als sie endlich auf der Bühne umhüllt in schwarzer mit Nieten bestückter Kleidung, Balaclavas und großen Metallketten (?), standen, wurde mir bewusst, dass es in der Tat etwas härter zu sich gehen könnte.
Inmitten des ersten richtigen Tracks Mind Of A Beast bewahrheitete sich dieser Gedanke und auch der Kritikpunkt der Selbstinszenierung wurde als Schnee von gestern abgestempelt, denn es fing überraschend gut an.

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Weiter ging es mit I Need My Money Back. Was zum Teufel habe ich mir vor dem Konzert bitte angehört und warum bewegt sich mein ganzer Körper automatisch im Takt der Musik? Das ganze hörte sich kraftvoller und klarer an, in jedem Fall tanzbarer. Vergleiche mit Pendulum oder Nero kamen mir in den Sinn und ließen sich nicht vermeiden. Natürlich sind genannte Beispiele Drum & Bass bzw. Dubstep-lastiger, aber von der Atmosphäre, den Melodien sowie den Vocals überschneiden sich diese Produzenten schon ein wenig, wenn wir ehrlich sind.
Etwas langsamere Tracks sorgten für nötige Verschnaufpausen. Die tagsüber 30°C knallende Hitze in Kombination mit einem vollgestopften Saal bestehend aus herumspringenden, ekstatisch tanzenden, feierwütigen Männern ergibt unterm Strich die ideale Anleitung zum Kollabieren. Zum Glück zeigten sich The Glitch Mob am Abend des 21. Mais des öfteren von der mir erwarteten experimentellen Seite, sonst wär ich vermutlich wirklich erstickt oder m Schweißbad ertrunken.
Highlights waren für mich gemischt Up-Tempo und ruhigere Nummern, Animus Vox, Our Demons, der Remix zu The Prodigys Breathe, welchen ich vorher gar nicht kannte, und We Can Make The World Stop.
Die größte Überraschung und mein zugleich persönlicher Höhepunkt fand gegen Ende des Auftritts statt, als nach dem Prodigy Remix plötzlich die ersten Samples von diesem Track aus den Lautsprechern strömten:

Dazu zwei Sachen: auch dieser Remix war mir im Vorfeld unbekannt und die Live-Version unterscheidet sich stark von der im eingebetteten Youtube-Video. Im ersten Augenblick dachte ich das Konzert sei vorbei und die Tontechniker hätten schon die Abgangs-Playlist angeschmissen, da zunächst 30-60 Sekunden komplett ungemixtes Material vom Original California Love (2Pac) liefen. Meinen Beobachtungen nach fand diesen Übergang nicht jeder so berauschend, doch ich bin ein großer Fan von stilistischen Wendungen während eines Konzerts.
Nachfolgend die komplette Setlist, für deren Richtigkeit ich nicht meine Hand ins Feuer legen würde, da ich mir dank Unwissenheit nicht die 100% korrekten Titel notieren konnte.

 

Setlist

01. Drive It Like You Stole It
02. Mind Of a Beast
03. I Need My Memory Back
04. Bad Wings
05. Animus Vox
06. Fly by Night Only
07. We Swarm
08. Fortune Days
09. Beauty of the Unhidden Heart
10. Can’t Kill Us
11. Skytoucher
12. Our Demons
13. The Prodigy – Breathe (The Glitch Mob Remix)
14. Skullclub
15. Matty G – West Coast Rocks (The Glitch Mob Remix)
16. We Can Make The World Stop
17. Carry The Sun

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Fazit

Am Ende des Berichts stellt sich eventuell die Frage, warum ich das Konzert einer Gruppe besuche, die ich eigentlich gar nicht wirklich kenne. Die Antwort ist simpel: Nach diesem Sommer werde ich behaupten können, über 500 Konzerte besucht zu haben. Im Herbst wird es diesbezüglich auch noch einen Artikel geben. Jedenfalls bin ich in eine Art “Konzert-Burnout” verfallen, dessen Symptome sich in Form von Langeweile und Motivationslosigkeit bemerkbar machen. Deshalb möchte ich dieses Jahr experimentieren, Konzerte unbekannter Bands besuchen, andere Genres ausprobieren (am Samstag z.B. Oldschool Rap mit CunninLynguists) und komplett gegensätzliche Festivals Besuchen, als die immer gleichen kleinen Indie-Rocker, die sich am Ende sowieso nur alle gleich anhören. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.
Lange Rede, kurzer Sinn: Ich war begeistert. Sehr viel besser als erwartet und man konnte mit einem gutem Gefühl nach Hause gehen. Auch hier sei nochmal gesagt, dass es wirklich genial von der Centralstation ist, sie an Land ziehen zu können. Außer Darmstadt stehen nur zwei weitere Konzerte in Hamburg und Berlin im Kalender.
Etwas schade fand ich allerdings, dass es keine Visuals oder aufwendigere Lichtshow gab, die den Klängen Glitch Mobs das letzte i-Tüpfelchen verpasst hätten.

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Photo Credits: Hannes Windrath