Knapp vier Monate nach Ezra Furmans fulminantem Auftritt auf dem Stuttgart Festival war es gestern Abend soweit: Stuttgart hatte erneut die Ehre, den aus Chicago stammenden Mann der Stunde gemeinsam mit seiner Band – The Boy-Friends – zu empfangen. Keine Frage, dass wir uns dieses Spektakel nicht entgehen lassen haben, liefen seine Studioalben (insbesondere Day of the Dog, The Year of No Returnign und Perpetual Motion People) seit Monaten in unserer Anlage heiß und lud zudem die wohl lauschigste Location des Kessels ein: der Keller Klub.
Pünktlich um 19:30 drängten sich draußen die ersten Menschen, schnell füllte sich der überschaubare Raum mit Indiecindies, Individuen im Alter meiner Eltern, Paaren, Freunden, Rollkragen-Pulli-Trägern und und und. Kurzum, das Publikum war nicht über einen Kamm zu scheren, was den Mainact des Abends mit Sicherheit gefreut hat, ist das doch eine der wichtigsten Aussagen seiner Musik: egal, wer ihr seid und wie ihr seid – es ist normal.
Mit The Blood Arm hatte der Abend einen Warm-Up im Gepäck, der diesen Namen mehr als verdient hat. Sobald die sechs Künstler die Bühne betreten haben, fing die Stimmung an zu brodeln, die Hüften, sich zu bewegen und aus den gespannten Blicken wurden begeisterte. Das Sprech-Intro hätte selbst Jim Morrison erblassen lassen, das Glitzerkleid der Sängerin Dyan Marilyn Monroe in den Schatten gestellt. Der neumodische Rock and Roll hat spätestens bei I like all the girls auch die letzten Kopfnicker zum Tanzen bewegt, was vom warmherzigen “Let’s boogie in Stuggi” des Sängers nur noch verstärkt wurde.
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Nach einer kurzen Umbaupause kamen die Sternchen des Abends auf die Bühne und fingen direkt an zu funkeln.
Wissentlich, dass Lou Reed eine Große Rolle im Leben Ezra Furmans gespielt hat, überraschte es wenig – erfreute aber ungemein – dass der Introtrack von The Velvet Underground kam. Im Folgenden hielten energetische Lieder sich mit ruhigen die Waage und so war ein Auf und Ab der Gefühle sowohl im Publikum als auch bei der Band kaum zu vermeiden. Mit seinen zutiefst ehrlichen, im einen Moment traurigen, im nächsten von Veränderungswut strotzenden Erläuterungen zu seinen Songs zog er in Windeseile den ganzen Raum in seinen Bann. Wer hier nicht mitlachte, -litt und -tanzte, der hatte wohl nicht nur seine Tanzschuhe Zuhause gelassen.
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Die typischen Shoo-bee-Parts, die von der Band mit tiefer Stimme in die Mikrofone gegrummelt wurden, kündigte Ezra Furman mit einem gekreischten “BOYFRIENDS!” an, das sich nahtlos in die ruhelos geschrienen Lyrics einfügte. Body was Made widmete er der queeren Community Stuttgarts, die dies dankend annahm und gemeinsam mit den restlichen Zuschauern aus voller Seele mitsang, als es

Your body is yours at the end of the day. And don’t let the hateful try and take it away.

hieß.
Nach einer viel zu kurzen Zeit (alles kürzer als unendlich ist in diesem Fall viel zu kurz) gingen die Musiker verschwitzt ab, um einige Momente später für zwei Zugaben zurück zu kehren.
Vor dem Konzert führten wir ein Interview mit Ezra Furman, in dem er uns auf die Frage, welches seiner Lieder (nur eins!) er wählen würde, um jemandem seine Kunst zu zeigen, “Tell ’em All To Go To Hell” antwortete. Dementsprechend wichtig fühlte es sich für uns an, dass er sein Konzert mit eben diesem Song abschloss. Schließlich sollten wir die darin enthaltene Message alle viel mehr verinnerlichen: Wenn dich jemand nicht akzeptiert, nervt oder doof von der Seite anmacht, sag ihm, er soll zur Hölle fahren – denn wie du bist ist richtig.
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Setlist

01. Velvet Underground Cover
02. Anything Can Happen
03. Lousy Connection
04. Walk On in Darkness
05. Can I Sleep in Your Brain?
06. Bad Man
07. And Maybe God is a Train
08. Haunted Head
09. Tip of a Match
10. My Zero
11. Body Was Made
12. Ordinary Life
13. The Mall
14. At the Bottom of the Ocean
15. Wobbly
16. Slacker
17. I wanna Destroy Myself
18. Restless Year

Zugaben:
16. Crown of Love (Arcade Fire Cover)
17. Tell ’em All To Go To Hell

Photo Credits: Simon Binder