Vor einigen Tagen hat Billboard, das bedeutendste Musikmagazin für die USA, seine jährliche Power 100 List veröffentlicht. Wer wohl dabei ist? Vielleicht Adele, deren Musikvideo zu Hello in Rekordzeit eine Million Mal angesehen wurde? Oder Beyoncé, die in der Forbes Most Powerful Women Liste 2015 den 21. Platz innehält?

Nicht ganz, die beiden Damen sind in der Liste nicht einmal vertreten. Die unangefochtene Spitze belegt Lucian Grainge, der CEO von Universal Music – wie auch schon 2015 und 2013 (damit hat er als einzige Person drei Nennungen). Die Platzierung ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass Universal Music über etwa 40% des Markts herrscht und das Label von sechs aus den Top 10 erfolgreichsten Künstlern ist (z.B. Taylor Swift, Justin Bieber, Drake).
Die Silbermedaille des Rankings geht an Michael Rapino, dem CEO von Live Nation Entertainment. Das auf Veranstaltungen und Promotion spezialisierte Unternehmen hat z.B. Madonna, Jay-Z und U2 unter Vertrag und verkauft jährlich mehr als 80 Millionen Tickets zu den eigenen Veranstaltungen. Platz 3 teilt sich das Apple Music Team Trent Reznor, Jimmy Iovine, Robert Kondrk und Eddy Cue. Apples Antwort auf Spotify kam im Sommer 2015 auf den Markt. Spotifys CEO Daniel Ek hat es auch knapp in die Top 10 geschafft und ist mit 32 Jahren der jüngste in diesem Kaliber. Die anderen Ränge der Top 10 belegen zum Beispiel Doug Morris von Sony Music Entertainment, Martin Bantier von Sony/ATV und der Milliardär Len Blavatnik, dessen Holding Gesellschaft 2011 die Warner Music Group erwarb.

Die Leistungen dieser Männer sind ohne Frage bemerkenswert, aber die Liste führt auch einen großen Knackpunkt der Musikindustrie zum Vorschein: Wo sind die Frauen? Die erste weibliche Einzelposition (18.) besetzt Jody Gerson, die Geschäftsführerin der Universal Music Publishing Group. Auf der nächsten Einzelposition (27.) steht Jennifer Breithaupt, die SVP im Bereich Entertainment Marketing bei Citi. Insgesamt vertreten die Liste 139 Personen (da manchmal ein Platz geteilt wird), jedoch sind davon nur 14 Frauen. Vierzehn! Das sind 10%! Lady Gaga hatte in einer gefeierten Rede bei den Billboard Awards letzten Jahres die Musikindustrie als „A F****** Boys Club“ bezeichnet. Während sie den Billboard Award zur Woman of the Year verliehen bekam, sprach sie von der Herausforderung, als Musikerin ernst genommen zu werden. Björk betonte in einem Interview mit Pitchfork, wie präsent Sexismus in der Musikindustrie sei: „Everything That A Guy Says Once, You Have To Say 5 Times”. Bei ihrem fünften Studioalbum Vespertine war sie selbst für 80% der Beats verantwortlich. Für den Feinschliff holte sie sich die Unterstützung eines männlichen Produzenten. Trotzdem wurden die Credits aller Arrangements dem männlichen Produzenten zuteil – trotz mehrmaliger Richtigstellung. Der Beruf der Produzentin/des Produzenten ist generell ein sehr männliches Metier: Nur 5% sind weiblich.

Aber das lässt sich das auch auf die gesamte Musikindustrie anwenden. Besonders in der Popmusik wird man mit Haut zeigenden Videos und Auftritten konfrontiert – schließlich lässt sich Aufreizendes und Schönes leichter verkaufen. Frauen (und durchaus auch Männer) werden demnach schneller für ihr Aussehen als tatsächlich für ihr Können berühmt. Hinter der Vermarktungsstrategie einer Künstlerin steht aber letztendlich ihr Label, und die größten davon sind, wie auch die Power 100 List zeigt, männerdominiert. Selbst Nicki Minaj, die durch ihren hypersexualisierten Content eine sexistische Sichtweise kritisiert, profitiert letztendlich genau davon – nutzt wiederum ihren Erfolg, um für die Rolle der Musikerin als kompetente Geschäftsfrau zu sensibilisieren.

Taylor Swift wurde vor Jahren für ihre männernachtrauernden Songs kritisiert – jetzt hat sie für das Musikvideo zu Bad Blood (feat. Kendrick Lamar), das Frauen knallhart und in Machtpositionen zeigt, einen Grammy Award erhalten. Die erfolgreichen Frauen in der Popmusik sind Frauen mit starkem kulturellen Einfluss, den sie auch zum Zweck eines machtvollen Frauenbildes einsetzen. Zwar haben die großen Erfolge von Taylor Swift, Lady Gaga, Beyoncé, Adele und Nicki Minaj, wenn man nach der Power 100 List, noch keine Änderung im Vorstand von Musikkonzernen bewirkt, aber durchaus ein scharfes Bewusstsein in der Gesellschaft dafür geschaffen. Dieses Bewusstsein wird auch innerhalb von Musikkonzernen früher oder später angeeignet werden und sogar zum wirtschaftlichen Profit beitragen können – laut einer Studie von DDI und The Conference Board aus 2014 haben die umsatzstärksten Unternehmen nämlich eine höhere Anzahl an Frauen in Führungspositionen (im Vergleich zu den umsatzschwächsten).

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