Ob die halle02 und das Maifeld Derby sich wohl eine Diskokugel teilen? Wir wissen es nicht, doch schlussendlich ist es ja auch egal, denn das einzig Wichtige stimmt überein – nämlich, dass man unter beiden zu den interessantesten Künstlern unserer Zeit gemütlich mit dem Kopf wippen oder ordentlich das Tanzbein schwingen kann. Vergangenen Freitag bei Austra war dafür aufgrund des eher trägen Vorverkaufs zudem genug Platz. Schade für die Veranstalter und Band, denen wir eine ähnlich große Zuschauermenge wie im März bei Bilderbuch gewünscht hätten, gut für unsere Dancemoves.
Der Dramatik in ihrer Musik alle Ehre machend, kamen die vier Kanadier einer nach dem anderen von Nebel umgeben und nur spärlich beleuchtet auf die Bühne. Was würde auch besser passen zu der Musik, die uns an diesem Abend erwartete? Wer Austra kennt, der weiß: Dramatik wird von ihnen groß geschrieben, wenn die Musik losgeht und Sängerin Katie Stelmanis, die früher Opernsängerin werden wollte, ihre mächtige Stimme über das Geflecht aus Synths, Bass und Schlagzeug legt.
Direkt als zweites Lied wurde der Überhit Forgive Me gespielt, der das Publikum mit seiner Bassline direkt ins sommerlich-lauwarme Wasser der Tanzkultur geworfen hat um herauszufinden, ob dieses denn auch schwimmen (hier: tanzen) kann – und das konnte es! Neben dem Hin-und-Her-Wipper bewegte sich die Mittvierzigerin wie das Spiegelbild der Sängerin, wieder zwei Köpfe weiter wurde von zwei Twentysomethings Standard getanzt.
Auch auf der Bühne ging es heiß her: wer zu Beginn dachte, der extrovertierte Keyboarder, der die vielen Momente, in denen er nicht spielen musste, mit dem Auf- und Abbewegen seiner Arme verbrachte, den anderen Bandmitgliedern die Show stehlen würde, hat die Rechnung ohne Austras Frontfrau gemacht. Energiegeladen wie eh und je turnte sie über die Bühne, was seinen Höhepunkt beim Headbanging während des letzten Lieds der regulären Spielzeit fand. Ihr durchsichtiges Kleid konnte sie dabei tragen wie keine Zweite und setzte ein weiteres Statement für die Frau (mehr zu ihren Gedanken über das weibliche Geschlecht in der Kunst gibt es hier). Chapeau und merci!
Dank so vieler Sympathiepunkte fiel es uns nicht schwer, in lautes “Ohhhhhh” auszubrechen, anstatt belustigte Blicke auszutauschen, als Frau Stelmanis

Heidelberg is the most beautiful city of Germany

verlauten ließ.
Natürlich soll es hier jedoch nicht nur um unsere persönliche Liebe zu dieser Band gehen (die uns den ein oder anderen Quietscher während des Konzerts entlockte), sondern auch um die Musik. Und diese war exzellent! Die Mischung aus Songs von Feel It Break, Olympia und Neugeschriebenem funktionierte auf allen Ebenen. Unumstrittenes Highlight war für uns Home, das wir trotz Dauerschleife im Vorfeld noch nicht totgehört hatten, sodass wir voller Herzschmerz mitträllerten und vor Mitleid mit der fiktiven Akteurin des Lieds fast zergingen.
Viel zu schnell war die exzentrisch funkelnde Stunde vorbei und die Menge blieb hungrig auf mehr zurück. Wie erwartet kam die Band noch einmal auf die Bühne gehopst, gab sich der Musik hin, ließ die Menge toben – und riss sie abrupt aus der Trance, als es ein zweites Mal “goodnight, Mannheim!” hieß. Die Hälfte des Publikums schlenderte Richtung Jacken- bzw. Getränkeausgabe (auch bekannt als Bar), die andere blieb stehen und rief nach mehr. Gut für sie, dass Austra sich nicht verhält wie die Noisey-Redaktion es kürzlich von ihnen gefordert hat, sondern ohne große Umschweige zu einer zweiten Zugabe ansetzen. Unter tosendem Applaus war dann aber auch wirklich Schluss, es wurde uns noch einmal gedankt, alle gingen glücklich und vom Tanzen etwas wacklig auf den Beinen nach Hause. Der Muskelkater am nächsten Morgen ließ keinen Zweifel mehr: die moderne Oper ist wilder eingestellt als die klassische – gut so!

Photo Credits: Samira Wacker